— 331 —
bis zum Wahnsinn gesteigerte Furcht sich selbst ihre Bilderin Nacht und Grausen ausmalt.
Wenn wir bei der nächsten Gelegenheit ohne den Glaubenan die Halbgötter und ohne die Furcht vor den Teufeln ansWerk gehen, so haben wir einen großen Schritt gemacht und,indem wir die Stichwörter des Himmels und der Hölle ihrerZauber entkleiden, ist schon ein Stück der Arbeit gethan.
Aber das Schicksal ist erfinderisch mit seinen Plagen,und kaum sind wir den Teufel los, so ist Belzebub aufunseren Fersen. Also geht dermalen die Furcht vor demCäsarismus um und bestellt mit der solchen Unholden eigenenTücke emsig das Feld der Zwietracht. Das letzte Argumentder Kleinstaaterei ist jetzt der Cäsarismus, und wer seinerselbst zu gewiß ist, um zu fürchten, daß seine Seele vordem Purpur in den Staub sinken könnte, der überträgtzum mindesten die Furcht auf seinen Samen und ruft unszu: „Lasset uns die Kind lein bewahren, daß sie nicht imBaalsdienst der Gewalt großgezogen werden!" Es ist, alsob jeder preußische Regierungskommissar ein Kardinal wäre,welcher sämmtliche Knaben am Main und Neckar , wie eben-soviele kleine Mortaras, in ein Trenbundkloster zu HerrnSelig Paulus Kassels Füßen gebunden niederlegen sollte.Wir wollen den Geist, der eben in Preußen dominirt, wederbesser noch unschädlicher hinstellen, als er ist. Male manihn so schwarz, wie man immer Lust hat; es ist nicht unsereSache, da Einsprache zu erheben. Aber Kleinmut und Ver-zweiflung sind die schlimmsten Fehler, denen man im Lebenüberhaupt und in der Politik in Sonderheit anheimfallenkann. Und Gespensterseherei ist eine der abgeschmacktestenErscheinungen des Kleinmuts und der Verzweiflung.
Auch der „Cäsarismus " ist ein solches, aus fremdenLebens- und Sprachkreisen zu uns eingedrungenes Gespenst,mit welchem jetzt die Säuglinge auf der schwäbischen Alpin Furcht und Schlaf gesungen werden.