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4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
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schweigenden Uebereinknnft beruht, daß wir mit einem aben-teuerlichen Notbehelf vorlieb nehmen wollen und müssenbis das bessere Desinitivum gekommen sein wird.

Umgekehrt jedoch verhält es sich mit der Gewohnheit,die wir über Nacht einschmuggeln ließen, von Nord- uudSüddeutschland als politischen Gegensätzen zn sprechen!Wenn hier nicht schleunig für Gegengift gesorgt wird, sindwir in Gefahr, uns einen bleibenden Schaden zuzufügen.Seit waun, ums Himmels willen, kennen wir eine politischeEinteilung in Nord- und Süddeutschland? Wann in allerWelt hat dieser Gegensatz bei uns eine politische Bedeutunggehabt? Bei allen unseren Sondergelüsten haben wir vondieser Anwandlung uns bisher frei zu halten gewußt, undwar einmal von solcher Scheidung die Rede, so geschah esallenfalls, wenn das Gespräch um die Dinge des Gemütssich drehte, um häusliche oder ländliche Sitte. Unsere Erb-krankheit, welche darin besteht, den kleinen Geist der engstenKreise in den Staat hineinzutragen, hatte sich bis setztwenigstens uicht dahin verirrt, zwischen den Gegenden, wodie kalte Schale und denen, wo die Dampfnudel zu Hauseist, zwischen den Ländern der gesalzenen uud der unge-salzenen Butter, zwischen dem Sonnabend und dem Sams-tag eine nationale Demarkationslinie zu ziehen. Geradedie Geschichte unserer Sprache schien es zn verbieten, denndie hochdeutsche Mundart, welche im Süden geboren ist,wurde mit der Zeit vorzugsweise das Eigentum des Nordens;norddeutsch und hochdeutsch sprechen, bedeutet bei uns imVolk dasselbe. Sogar die wirkliche Demarkationslinie von1795, welche die Trennung au der Maingegend in dieGeschichte einführte, hat ihrer Zeit durchaus keiuen bleiben-deu Wert beansprucht, sollte nichts sein als eine Nentrali-tätsgrenze während der Dauer eines Kriegs; übrigens fielsie uicht mit der heutigen Maiulinie zusammen.