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4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
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den fruchtbaren Boden unserer Staatsphantasterei zu fallen,so kommen wir anch noch in die Gefahr, erst halbiert unddann gevierteilt zn werden. Rußland wäre gewiß gernbereit, seinen Schutz den Landen rechts der Elbe ange-deihen zu lassen, wie Frankreich die links des Mains insein Herz geschlossen hat. Wir andern, die wir nach Ber-lin gekommen waren in der Erwartung, das bewußte ganzeDeutschland da endlich leibhaft beisammen zu finden, wirwaren peinlich überrascht, als uns vom ersten Tage andie Unterscheidung zwischen Nord und Süd unablässig andie Ohren schlug. Ja sogar unsere gleichzeitig Neuange-kommenen gegnerischen Kollegen waren sichtbar nicht daraufvorbereitet geweseu, den Main , den sie im Rücken gelassenhatten, vor sich querüber mitten im Sitzungssaal wieder-zufinden. Wie wir uns gefreut hatten, so hatten sie sichgescheut, dem ganzen Deutschland zu begegnen, und nunwar die Reihe an ihnen, zu triumphieren und an uns,die Augen niederzuschlagen.

Dieser falsche Ton ging zuuächst von den Mitgliederndes norddeutschen Reichstags aus. Und zwar beinahe ohneUnterschied der Parteien. Ob zwar eiu Konservativer vonHaus aus seiue größere Freude au jeder landschaftlichenoder historischen Absonderung hat, so thaten doch unserenationalen und liberalen Freunde redlich mit. Den erstenAnstoß gab die bloße Höflichkeitsbegcgnnng.

Man hätte auch hier, wie in den meisten Fällen, kluggehandelt, wenn man, ein bekanntes Sprichwort umdrehend,sich gesagt hätte: folget niemals der ersten Eingebung, weilsie die gutmütige ist. Gastfreuudschaftliche Zuvorkommen-heit, liebenswürdiger Eifer bemühten sich um die Ankömm-linge auf Weg und Steg. Dabei konnte nicht ausbleiben,daß die Neichstagsmitglieder als die älteren uud stärkeren,wir neu Eintretende als die jüngeren und schwächeren er-