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schienen. Es war ja auch so thatsächlich. Jenen war derBoden, den wir eben zum erstenmale beschritten, war diePraxis der großen parlamentarischen Versammlungen ver-traut; sie waren kampfgeschult und selbstvertrauend, wowir schüchtern tasteten. So machte es sich von selbst, daßder Süden gleich einem jüngeren Bruder vom älterenNorden liebevoll ins Leben eiugesührt wurde. Der Vor-gang erinnerte mich, in verringertem Maßstabe, an dieTage des seligen Vorparlaments. Damals waren es dieÖsterreicher, welche die Venjaminsrollc spielten; und mancheiner wurde damals mit allen irdischen Ehren überhäuft,als man entdeckte, daß er lesen und schreiben konnte. Sogab es anch diesmal für uns „Süddeutsche" alle eine Auf-merksamkeit, ein Ämtchen, eine Würde. Aber hinter diesemfreundlichen Spiel barg sich der böse Ernst, die Unter-scheidung auch iu das Innere aller großen Fragen hinein-zufahren. Es fchien wochenlang wirklich so weit gekommen,daß man sich fragen mnßte: Sind wir hierher geschickt, ummit Stimmenmehrheit aller Vertreter eines Deutschlands zu beschließen, oder sind wir nur berufen, wie im altenRom oder im alten Reich, im Schoße gesonderter Ständeabzustimmen, die sich dann unter einander zu vergleichenhaben? Die Sachen in diesem Geiste auffassen, hieß dasbegonnene Werk nicht fortsetzen, sondern zerstören. Unddennoch hatte sich dieser Geist, von außen und von innenangefacht, der Majorität eine zeitlang bemächtigt. So hießes bei der Adrcßdcbatte: Die Sache sei unstatthaft, weildie Abgeordneten des Südens in ihrer Mehrheit ihr ab-hold seien. Und bei jeder neuen Frage tönte diese falscheBetrachtungsweise von neuem wieder. Hatte sie schonbei der Adresse folgenschwer eingegriffen, so drohte siebei einem späteren Anlaß vielleicht verhängnisvoll sür denAusgang der ersten Session und damit für die ganze Zu-