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erlassen, naher in das Für nnd Wider dieser subtilen undverwickelten Frage hier einzugehen. Anch könnten wir überder Vertiefung in dieses Rätsel der Staatsklugheit leichtin Gefahr kommen, die einfache Wahrheit aus dem Augezu verlieren, daß ein Übel nicht so sehr an seinen sichtbarzn Tage tretenden Wirkungen, als am Sitz und Grundseiner Ursache zn heilen ist. Unsere mangelhaften Parla-mentsbildungen sind die unvermeidlichen Folgen unseresnoch so unvollkommen ausgebildeten, sa man kann sagenbarbarisch uugeordueteu Staatswesens. Von der Not-wendigkeit, in einen großen geschlossenen, nach dem Vorbildanderer Völker geeinigten Staate einzutreten, muß derSinn der Nation sich durchdringen. Dann wird sich auchdie Parlamentsreform von selbst ergeben. Und an demVerständnis für diese höhere Notwendigkeit gebricht es nochganzen Strichen nnd Schichten in unserem Vaterlands.Das hat die Erfahrung der letzten zwei Jahre gelehrt.Nicht mehr können wir, nach früherer, schwächlicher Art,die Fürsten oder den Bundestag mit der Schuld unseresverwahrlosten Znstandes belasten. Das gesamte Volk, mitfreier Ausübung des Wahlrechts versehen, hatte die Ge-legenheit, seine Stimme zu erheben. Läge nicht noch übergroßen Kreisen die träumerische Dämmerung politischer Ur-teils- und Wünschelvsigkeit ausgebreitet, so wäre der Rufnach Einheit mit einer Kraft emporgedrnngen, dem keinKompetenzbedenken von innen noch von außen Hatt ge-boten hätte.
Diesen Einblick in die politische oder vielmehr in dieunpolitische Denkart eines großen Teils unserer Nationverschafft zu haben, ift ein Verdienst der jüngsten Ereig-nisse. Denn hier wie überall steht das „Kenne dich selbst"an der Pforte aller Lebensweisheit. Gleichzeitig aber istein beträchtlicher Gewinn erworben in der Erkenntnis, daß