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4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
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genossen im Reichstag früh und spät auf der Breschesind, um das Panier der Freiheit und des Fortschrittsgesammelt, unermüdlich; nnd, was doch wahrlich nichtdas Geringste an der Sache ist, daß in neun Fällen vonzehnen der Ausfall der Abstimmung von ihnen abhängt.Parlamentarisch wirksam sein, heißt die Regierenden zwingen,sich den Ansichten Parlamentarischer Parteien zu fügen.In Deutschland hat man das aus den Augen verloren,weil von jeher die Regierungen allen Kammer-Majoritätenverachtungsvoll deu Rücken zuwandten. Sie brauchen janicht weit zu gehen, um Staatsminister mit unbewafsnetemAuge zu entdecken, welche die Landesvertretung noch vornehmerals Ludwig XIV. behandelten, Minister, die nicht etwa mit derReitpeitsche erschienen, sondern ganz und gar nicht erschienen,wenn die Kammer nicht parierte, und ihr in stillschweigenderVerachtung zu verstehen gabeu, sie möge sich gereitpeitschtfühlen, wie man in der Junkersprache sich ausdrückt. Untersolchen Bewandtnissen ward natürlich jede Majorität einSpott über sich selber, und es blieb ihr nichts übrig, als,nicht für die Regieruug zu sprechen, welche ihr doch keinOhr lieh, sondern theoretische Vorträge für die Zuschauer-galerie und das zeitungslesende Publikum zu halten. Daman dabei von vornherein auf jedes praktische Resultat inder Handhabung des Staatsruders verzichtete, kam es denAbgeordneten auch sehr natürlich, sich um die Frage zwischenErreichbarem und Unerreichbarem gar nicht zu kümmern.Man trug also möglichst dick aus, um so mehr, je mehrman durch die frivole Mißachtung seitens der HerrenMinister dazu aufgestachelt wurde. Die politische An-strengung innerhalb wie außerhalb der Kammern wurdedadurch eine rein theoretische und möglichst extreme. Wennman doch einmal sich was wünscht, wünscht man bekanntlichmöglichst viel. Nun hat sich aber die Sache im Nord-