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4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
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bild nicht zum Nachdenken auffordern! Jüngst brachte ichIhnen eine Stelle aus dem Briefe, in dem ein im HerzenÖsterreichs wohnender Freund die Zustände jenes Landes,verglichen zu den unsrigen, mit einigen scharfen Strichenschilderte. Es trifft sich heute, daß ich Ihnen das Gegen-stück aus eiuer französischen Feder liefern kann. Ehegestern,als am Vorabend des Plebiszits, schreibt mir ein in denAngelegenheiten seines Landes vielbewanderter Politiker wiefolgt ans Paris :Größere Aufregung als jetzt habe ichhier nie erlebt; doch bezweifle ich, daß es werde zum Blut-vergießen kommen. Mein Kopf ist mir wüst von allein,was ich seit acht Tagen höre, sehe, lese; es schwindelt mir,wenn ich zwischen den von oben bis uuten mit Plakatenaller Farben beklebten Mauern einhcrgehe. EigentlichePolitik, was so dieses Namens wert ist, wird jetzt nur beiIhnen in Deutschland gemacht, langweilig zwar sür dieGalerie der Zuschauer, aber nützlich, wie jedes Handwerk,das sich mit den konkreten Ausgaben des Lebens, d. h. mitden Dingen im einzelnen (den Details) abgiebt. Hier inunserem Frankreich , das sonst spottete über Eure deutscheAbstraktion uud Eure philosophische Nebelhaftigkeit, iu Frank-reich , welches sich sür das eminent verständige hielt, hierficht jetzt alles iu der Luft; und als ich letzten Dienstagin der Ihnen bekannten Abendgesellschaft endlose Tendenz-gespräche mit anhören mußte über den Vorzug, welchen dieFreiheit vor der Ordnung oder die Ordnung vor der Frei-heit verdiene, und wie sich stundenlang der Disput iu All-gemeinheiten und Phrasen herumbewegte, da, mein Freund,mußte ich unwillkürlich an Sie denken, uud, wie sonderbares Jhuen auch vvrkvmme, ich beneidete Sie, daß vielleichtznr selben Stunde Sie mit Ihren preußischen Kollegenüber Runkelrüben, Stearinkerzen, oder Leinengarn zu be-raten, so klng seien."