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4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
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greifbaren Auspflanzung der Gegensätze. Wer aber dasParlament für eine Werkstätte ansieht uud nicht für einTheater der Meinungen, der wird es nur anerkennenswertfinden, wenn die innerhalb der vorgezeichneten Werkstundenund 'Werkräume nicht gezeitigte Arbeit durch fortgesetztenFleiß, gleichviel in welchen Mauern, zustande kommt. Dasgerade hat man ja dem Parlamentarismus am meisten zurLast gelegt, daß er ein unersprießliches Widereinanderstoßender entgegengesetzten Ansichten liefere uud schließlich keinRedner den andern überzeuge. Und wenn er sich vondiesem Vorwurf einmal reinigt, wenn er Wege findet, diezur Verständigung führen (Verständigung kommt her vonVerstand), dauu glaubt solch ein Freiheitsmann es seinerÜberzeugung schuldig zu sein, im Geiste des Fortschritts zuprotestieren. Aber woraus werden nicht Menschenrechtedestilliert, wenn eine alte Wahlperiode zu Ende geht undeine neue beginnt! Wie die Chemie aus HobelspänenZncker machen kann, wird dann aus den dürrsten StoffenSüßigkeit für den Wähler gesotten; jedem Wahlkreis wirdaus der Bank, an welcher sein Abgeordneter sitzt, wie inAuerbachs Keller , der edle Wein gezapft, den er sich nurbestellen mag. Und weil das funkelnde Naß der großenGrundsätze dermalen noch das beliebteste Getränk so mancherWählerschaften ist, deswegen werden Sie noch eine zeitlangdie Baumwollenwaren teurer bezahlen, als es die Absichtder Regierungen war, da sie den Tarif vorlegten.

Wenn Sie, meine Herren, mehr Wohlgefallen habenan einem Parlament als an einem Plebiszit, an einemfruchtbaren Resultat, als an einer unfruchtbaren Über-zeugung in Wirtschaftsfragen: so machen Sie sich mit derAnschauung vertraut, daß gerade das beste, was einerVolksvertretung nachgesagt werden kann, das ist, daß sie,Dank der Verständigkeit der Parteien, zu einer Verständi-