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leiblicher Verfeinerung in hohem Maße gesteigert. Diesichtbare Folge dieser Umbildung ist das Bestreben, auchdie mechanischen Werkzeuge des Lebens den verfeinertenNerven, Muskeln und Gliedern anzupassen. Nehmen wirbeispielsweise die Bewaffnung der älteren Zeit: Harnisch,Helm, Schwert, Armbrust oder Hakenbüchse.^) Das dünneEisen ersetzt den schweren Stein und den dicken Balken;überall macht die Kraft der Maschine den übermäßigenAufwand der Muskeln entbehrlich. Was der Mensch aufdem Leibe trägt, ist an Gewicht mindestens um die Hälftevermindert gegen die früheren Jahrhunderte: das Taschen-messer wie die Taschenuhr, das Tuch des Rocks wie dasLeder der Fußbekleidung. Wohl führt in manchem Städt-lein der ehrsame Meister, wenn er abends zur Stamm-kneipe wandert, noch den pfündigen Hausschlüssel im Sack,
") Allerdmgs hat die neuere Zeit auch ein Phänomen zu ver-zeichnen, welches im Widerspruch zum Gesetz der Verfeinerung steht.Die Marine ist im Suchen nach Vervollkommnung auf den Weg derVergröberung geraten. Alle ihre Anstrengungen laufen, um die Worteeines berühmten Rhetors zu gebrauchen, darauf hinaus: immer wiedereinen dickeren und stärkeren Stahlpanzer zu erfinden, damit unmittelbarhinterher abermals mit der Erfindung eines noch schwereren und nochkolossaleren Geschosses geantwortet werde. Diese Richtung trägt offenbardas Gepräge einer rückläufigen Entwicklung. Während der Landkriegseinen mörderischen Instrumenten selbst immer mehr Gelenkigkeit undSchliff giebt, ist die Seewehr zu den Schiffsschnäbeln, Balisten undWiddern des grauen Altertums, zu den ungeheuerlichen Kanonen derSultane zurückgekehrt. Ein so plump extensives Bestreben verrät imGegensatz zu einem auf die intensive Vervollkommnung gerichteten schondarin seine Jnferiorität, daß es alsbald seine räumliche Grenze findenmutz, während jede auf innere Verfeinerung gerichtete Bewegung ihrerNatur nach unbegrenzt ist. Die armselige Rolle, welche die groszenMarinen in den neuesten Kriegen gespielt haben, giebt ein unverkenn-bares Zeugnis von der Verkehrtheit einer Richtung, die mit dem ganzenZug der modernen Welt kontrastiert.