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4 Einleitung zu dem Versuche
Das blinde Streben und das bewußtlose Wollen geben demMenschen bei aller Spannung und Thätigkeit nicht diejenige Kraft,welche zum rechten Sein und Thun führt; es muß das ent-wickeltere Streben, das bewußtvollcre, der Kraft entsprechende Wol-len sein, welches, wo Klarheit sich zur Wahrheit gesellt, in scho-nen und großen, denkwürdigen Thaten hervortritt, die der Ewig-keit angehören. Nicht die verwirrte Vielartigkeit zügelloser Ge-walten, sondern die Anschauung von dem Maaß und dem Gesetzin der unendlichen Fülle und Kraft ist es, was uns auch schonin der sinnlichen Natur mit der Ahnung des Göttlichen unwider-stehlich durchschauert.
Aber der rechte Wille des Menschen und die Erkenntniß desseiner eigenthümlichen Kraft Entsprechenden in dem außer ihmGegebenen, so wie die gegenseitige Durchdringung und Steige-rung von beiden, diese gehen nur aus dem ernsten Ringen nachder tiefern Erkenntniß des eignen Selbst hervor, und aus derBetrachtung des Menschlichen und alles dessen, was in der Ge-schichte der Menschheit sich offenbart hat. -
Wie nun jeder einzelne Mensch vermöge seiner eigenen Weisenicht jeglichem Unternehmen gewachsen und zu jedem berufen ist:eben so wenig jedwedes Volk zur Erreichung jedes Zieles imbunten Kranze des Ruhms und des Glücks. Es gehört zum Cha-racteristischen der menschlichen Natur, daß jedem einzelnen Men-schen eine nur ihm Angehörige Eigenthümlichkeit einwohnt, durchderen Entwickelung er zu einem vollkommncren wird, und so undnicht anders wiederholt sich dies in jedem Volke. In der vollen-deten Ausbildung dieser Eigenthümlichkeit liegt die sittliche undmit ihr jede andere Größe des Menschen, wie die Volksthümlich-keit und Nationalgröße der Völker. Sie erwärmt und erleuchtetdie Gegenwart, wie die Zukunft, nicht nach ihrer zeitlichen undräumlichen, sondern nach ihrer geistigen Größe, und wirft ihreglänzenden Strahlen weithin durch das ganze Gebiet des gegen-wärtigen Völkerlebens und der kommenden Geschichte.
Eigenthümlichkeit gehört aber nicht zu demjenigen, was das Volksich selbst geben kann, so wenig, wie der einzelne Mensch dergleichen