Ueber das historische Element in der geographischen Wissenschaft. 153
Denn das reingedachte gleichzeitige Nebeneinander des Da-seins der Dinge ist, als ein wirkliches, nicht ohne ein Nach-einander derselben vorhanden. Die Wissenschaft der irdischerfülltenRaumverhältnisse kann also eben so wenig eines Zeitmaaßes odereines chronologischen Zusammenhanges entbehren, als die Wissen- ^schaft der irdisch erfüllten Zeitverhältnisse eines Schauplatzes, aufdem sie sich entwickeln mußten. Die Historie bedarf eines solchenzu ihrer Entfaltung, sie wird in ihre Gestaltungen überall, sei esausgesprochen oder nicht, ein geographisches Element mit aufnehmenmüssen, auch in ihre Darstellungen; sei es nun, indem sie, wie beiThucvdides oder Johannes Müller, gleich zu Anfang ihrer Histo-rien dieses in einem großen Ueberblicke voranstellt, oder, wie beiHerodot, Tacitus und andern Meistern, in den Fortschritt ihrerDarstellungen einwebt, oder, wie bei noch Anderen, es auch über-geht und nur den Ton oder die Färbung durch dasselbe beibehält.In einer Philosophie der Geschichte, wie sie früherhin Baco undLeibnitz dachten, Herder entwarf, wie sie neuerlich auf mancherleiWeise weiter zu führen versucht ward, mußte diesem geographi-schen Elemente, dem Naumverhältnisse des Erdballs, eine immerbedeutendere Stelle eingeräumt werden.
Die geographische Wissenschaft kann aber eben so wenig deshistorischen Elementes entbehren, wenn sie eine wirkliche Lehre derirdischen Naumverhältnisse sein will, und nicht ein abstraktes Mach-werk, ein Compendium, durch welches zwar der Rahmen und dasFachwerk zur Durchsicht in die weite Landschaft gegeben sind, abernicht die Naumerfüllung selbst in ihren wesentlichen Verhältnissenund in ihrer innern und äußern Gesetzmäßigkeit.
Das dunkle Gefühl wie das klar bewußte Bedürfniß hat da-her auch von jeher die geographischen Wissenschaften an die histo-rischen angereihet, und die Geographen, von Hekatäus, Dikäarchund Strabo an, haben ihre reichsten Ernten auf dem Gebiete derGeschichte eingebracht, die orientalischen Völker, wie Araber undzumal Chinesen, haben ihre Geographien fast ganz historisch ge-staltet. Die Europäer hatten ihnen im Mittelalter den kirchlichen,in neuern Zeiten den politisch-statistischen Eintheilungögrund auf-