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Geld und Gold : ökonomische Theorie des Geldes / von Robert Liefmann
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Faktoren in der Wirtschaftsrechnung. Denn Wirtschaften ist ebennicht Produzieren, sondern Rechnen, und zwar ein Disponieren, einvorsorgliches Rechnen mit abstrakten, erwarteten Größen, und derTagelöhner rechnet mit den 20 M., die er einmal im Jahr fürein Paar Stiefel aufwenden muß, schon das ganze Jahr hindurchund so mit unzähligen anderen Ausgaben. Mit einem Wort, dieWirtschafter rechnen nicht in Geld, sondern sie rechnen mitihrem Einkommen, das in einer nicht in Geld bestehendenabstrakten Rechnungseinheit ausgedrückt ist, rein formal ihreKaufkraft bedeutet.

Nicht das Geld, so kann man sagen, kauft die Güter,sondern die Einkommen kaufen sie. Ich halte diesenSatz für einen der wichtigsten Erkenntnisse, dessen ökonomischeBedeutung und Anwendung man freilich nur mit der psychischenWirtschaftstheorie richtig erkennen kann. Wenn manche National-ökonomen vielleicht behaupten wollten, daß sie das auch schonerkannt hätten, weshalb haben sie dann aus dieser Erkenntnisgar keine weiteren Anwendungen gezogen? Denn der Metallis-mus ist doch mit dieser Erkenntnis einfach erledigt, und wievielweitere Schlüsse für die Einkommens- und Preislehre, kurz fürdie Widerlegung mancher der wichtigsten Irrtümer der herrschendenTheorien lassen sich daraus gewinnen! Aber selbst v. Zwiedineck,der noch am ersten das erkannt und betont hat, daß dasEinkommen derGeldwertbestimmungsgrund" sei, zieht darausgar keine Schlußfolgerungen, sondern schwankt unentschiedenzwischen Metallismus und Nominalismus. Visher habe ichnoch keinen Schriftsteller kennen gelernt, der unter dem Geldeetwas anderes als die realen Zahlungsmittel verstandenund seiner Auffassung eine systematische Begründungdenn darauf kommt es an mit den Mitteln der Wirtschafts-theorie, sei es der bisherigen oder einer eigenen, gegeben hätte.Ich darf mit unbestreitbarem Rechte meine Geldtheorie, wiemeine ganze Wirtschaftsauffassung, als mein ausschließlichesgeistiges Eigentum behaupten. Wohl mag der eine oder anderediese oder jene Einzelheit schon behauptet haben, aber auf diegeschlossene theoretische Begründung kommt es an. Wennaber Leute, die nie selbst theoretisch gearbeitet haben, solcheBehauptungen aufstellen, daß sie das auch alles schon erkannthätten, so darf man fragen, warum sie ihre Erkenntnisse nicht

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