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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE NACHWELT SOLL SEHEN"

Ich: Eure Majestät haben nur die Pflicht, Ihre eigene Ehre und dasInteresse des preußischen und des deutschen Volkes zu wahren. Für andereHerrscher und für andere Völker ist der Deutsche Kaiser nicht verantwort-lich. Kaiser Wilhelm I. und Friedrich der Große haben sich nicht für andereden Kopf zerbrochen. Wie Ludwig XV. und Peter III. regierten, war demgroßen König höchst gleichgültig, wenn er nur seine eigenen Vorteile wahr-nahm.

Der Kaiser: Jetzt sind andere Zeiten. Damals gab es keine Sozialistenund keine Nihilisten, die aus der Blamage der Fürsten Vorteile ziehen.Durch sein jämmerliches Verhalten schädigt der Zar das monarchischePrinzip. Er muß nach Moskau fahren, das heilige Rußland zum Kampf auf-zurufen, ihm das Kreuz vorantragen, seine ganze Armee mobilisieren.

Ich: Ob der Zar das tun will, überlassen Eure Majestät doch ihm selbst.Noch weniger als andere Menschen beben Fürsten , belehrt zu werden.Sie selbst lassen sich ja auch nur recht ungern belehren. (Seine Majestätlächelte.) Zuviel Belehrung würde jedenfalls den Kaiser Nikolaus nicht indie gewünschte Richtung bringen, sondern verstimmen und mißtrauischmachen.

Der Kaiser: Ihre Argumente mögen vom politischen Standpunkt auszutreffend sein. Sie übersehen aber eine ungeheure Gefahr, die ich alsSouverän besser würdigen kann als . alle Diplomaten, die gewohnheits-mäßig nur mit der Gegenwart rechnen, nämlich die gelbe Gefahr. Sie ist diegrößte Gefahr, welche die weiße Rasse, Christentum und unsere gesamteKultur bedroht. Wenn die Russen vor den Japanern kneifen, wird diegelbe Rasse in zwanzig Jahren in Moskau und Posen stehen.

Ich: Eure Majestät wissen seit langem, daß ich an eine solche gelbeGefahr nicht glaube. Sie berührt jedenfalls alle anderen Weltmächte,Rußland und England, Amerika und Frankreich näher als uns. Sie über-schätzen die gelbe Gefahr. Eure Majestät sind zu sehr geneigt, die poeti-schen Vorgänge durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. Wie Sie imfernen Osten die gelbe Gefahr überschätzen, so im nahen Osten die grüneFahne des Propheten, d. h. Macht und Bedeutung des Islam, des Sultansund der Türken.

Der Kaiser: Ich bleibe bei meiner Ansicht. Bringen Sie jedenfalls alles,was ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, zu Papier und deponierenSie diese Niederschrift i m Archiv, damit die Nachwelt sieht, wie richtig ichdie Situation beurteilt habe. Es ist eine wahre Schande, daß Frankreich seine russischen Verbündeten im Stich läßt und England und die Ver-einigten Staaten mit Japan sympathisieren. Wir müssen den Zaren auf dieGröße der gelben Gefahr aufmerksam machen, die der Arme noch gar nichtbegreift.