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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ELASTISCHES NATURELL

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hatte, schrieb mir:Auf dem arbeits- und dornenvollen Felde der Politik,das Eure Durchlaucht wie kein anderer kennen, belebt und erfrischt denvon formalem Ehrgeiz Freien, mit anderen selten, mit sich nie Zufriedenenkaum etwas besser als die so freundliche Anerkennung unseres bedeu-tendsten Staatsmannes. Ich kann hieran nur die Bitte um ferneres Wohl-wollen und den Ausdruck der Hoffnung knüpfen, die ich mit allen Patriotenteile, daß Euer Durchlaucht Gesundheit sich wieder völlig zu der altenKraft stählen möge, der ich bin Eurer Durchlaucht ehrerbietigst ergebenervon Heydebrand." Der Führer der Reichspartei, Fürst Hermann Hatz-felds Herzog von Trachenberg , schrieb:Eure Durchlaucht wollen mirgestatten, meiner aufrichtigen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß Siesich von dem vorübergehenden Unwohlsein so rasch erholt und die Zügelder Regierung wieder in die kräftige, zielbewußt leitende Hand genommenhaben. In hoher Verehrung verharre ich Eurer Durchlaucht gehorsamsterHermann Hatzfeldt." Der alte Vertraute des Hauses Bismarck und seinWortführer in der Presse, Hugo Jacobi , schrieb mir:Durch das Rauschender Wellen in Norderney klingt Ihnen das Lied vom Vaterlande als eineunaufhörliche Ermahnung zur Gesundung, von der für uns alle, für Deutsch-land so viel abhängt." Sein Antipode, der Chefredakteur derFrankfurterZeitung", Theodor Curti , sprach mir seine besten Wünsche dafür aus, daßich mich bald wieder im Besitz meiner ganzen Kraft und früheren Rüstig-keit befinden möge:Neben der Kunst des Hippokrates ist Ihre eigneKunst, mit der Sie Handlung und Betrachtung, Staatssorge und Philo-sophie miteinander zu verbinden wissen, ein Elixier, das Ihnen noch langeJahre mit frohen Tagen geben wird." Curti hatte recht, wenn er annahm,daß mein schon von meinem verehrten Lehrer Hermann Adalbert Daniel in Halle beobachtetes elastisches Naturell persönliche Prüfungen und Ent-täuschungen überwinden würde. Uber meinen Rücktritt und die bei diesemAnlaß zutage getretene Undankbarkeit des Kaisers wie über die Jämmer-lichkeit so mancher, die jahrelang vor mir scherwenzelt hatten, um michspäter im Augenblick der Schwierigkeiten und Gefahren feige im Stichzu lassen, hat mir die in einem bewegten Leben allmählich erworbeneSelbstbeherrschung in der Tat später weggeholfen. Gegen das Herzeleid,das mir der Zusammenbruch, die Not und Schmach des Vaterlandesbrachten, ist für mich kein Kraut gewachsen. Graf Udo Stolberg schrieb anmeinen Arzt Renvers, nachdem er mir vor meiner Abreise nach Norderney einen Besuch abgestattet hatte:Ich muß sagen, daß mir ein sehr schwererStein vom Herzen gefallen ist, als ich mich durch den Augenschein davonüberzeugen konnte, daß dem Fürsten von seinem Unfall absolut nichts an-zumerken ist, da ich mir eine Zukunft, in der er mit verminderter Kraftoder gar nicht mehr wirken könnte, eigentlich nicht denken kann. Diese