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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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UNTERREDUNG IN SWINEMÜNDE

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intelligenten deutschen Kammerdiener dorthin mit dem Auftrag, sich um-zuhören, welche Botschaft ihm bestimmt wäre. Wenn der Kammerdienerhöre, daß Iswolski Botschafter bei dem Königreich Italien werden solle,möge er ihm telegraphieren: Makkaroni; wenn er aber für Berlin bestimmtwäre, wohin Iswolski am liebsten gegangen wäre: Sauerkraut. Als derKammerdiener hörte, daß Iswolski voraussichtlich Minister des Äußernwerden würde, telegraphierte er: Kaviar. Iswolski war von Hause aus inkeiner Weise antideutsch. Er wurde es erst allmählich, besonders nachdemer von Kaiser Wilhelm bei gelegentlichen Begegnungen schlecht behandeltworden war. In dem Maße, wie unsere oft wenig geschickte Presse aus ihmeinen Kinderschreck für alle guten Deutschen machte, nahm die Deutsch-feindlichkeit von Iswolski natürlich zu. Ähnlich ist es später mit Sir EdwardGrey gegangen. Die Rahel schrieb einmal, ihre Liebhaber wären Schattengewesen, von ihrem Feuer koloriert. Unsere politischen Gegner, von IgnatiefFund Iswolski bis zu Grey und König Eduard VII. , haben wir, besondersWilhelm II. , mit hypernervöser Phantasie ärger gemacht, als sie in Wirk-lichkeit waren. Mißtrauen ist gut, sogar nötig, aber es darf nicht übertriebenwerden.

Die Aussprache, die ich mit Iswolski in Swinemünde hatte, war nichtunbefriedigend. Ich fand den russischen Minister des Äußern sehr impres-sioniert durch die trotz aller Unterdrückungsmaßnahmen und trotz man-cher Konzessionen und Reformen in Rußland immer mehr um sich greifendeund fortschreitende revolutionäre Gärung. Ich erblickte darin für uns einenGrund mehr, einem kriegerischen Konflikt mit Rußland auszuweichen. Icherinnerte mich daran, wie schon Fürst Bismarck den Grafen Kälnoky dar-auf hingewiesen hatte, daß wir durch Abwarten vielleicht früher deninneren Verfall und die Zersetzung Rußlands als einen russischen Angrifferleben würden. An dieser Auffassung habe ich immer festgehalten undfand sie bestätigt, als mir im Mai 1914 der kurz vorher zurückgetretenerussische Ministerpräsident Kokowzew in Rom auf meine Frage, ob er anKrieg glaube, ruhig und bestimmt erwiderte:A la guerre? Non. A moinsd'y etre forces par vous, nous ne ferons pas la guerre. Mais je crois ä la pos-sibilite, et, malheureusement, je crois meme ä la vraisemblance d'unerevolution en Russie." Hinsichtlich Frankreichs wiederholte mir Iswolski inSwinemünde, was mir Murawiew zehn Jahre früher gesagt hatte, nämlichdaß Rußland der Verbündete Frankreichs sei und bleiben müsse, daß esaber darum doch nicht unfreundÜche Beziehungen zu uns, geschweige dennKrieg wolle. Mit England müsse sich Rußland nach seiner schweren Nieder-lage in Ostasien verständigen. Aber es würde uns gegenüber nicht denlansquenet de l'Angleterre" spielen. Vor allem war Iswolski damals nochüberzeugt, daß schlechte Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland