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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DERSCHRIFTSTELLER " BRAND

unzweideutige Erklärungen abgibt. Ich hoffe, daß er sich seine Situationklarmacht und sich nicht verhängnisvollen Illusionen hingibt." Das trafden Nagel auf den Kopf. Statt dessen suchte Eulenburg seine Rettung inallerlei phantastischen Ausflüchten, mit besonderer Vorhebe in der Be-hauptung, alle Angriffe gegen ihn wären auf die Jesuiten zurückzuführen,die ihm seine in München betätigte antikatholische Weltanschauung nichtverzeihen könnten. Übrigens haben auch die Frauen der anderen Ver-irrten, die ähnlich wie Eulenburg damals scheiterten, die beiden GräfinnenHohenau und die Gräfin Johannes Lynar, ihre Männer nicht im Stichgelassen. Die letztgenannte, eine geborene Prinzessin Solms , Schwesterder Großherzogin von Hessen-Darmstadt, begleitete ihren Gatten, der,weil er sich an Untergebenen vergangen hatte, zu einer längeren Freiheits-strafe verurteilt worden war, nach Leipzig , wo er seine Strafe verbüßte,um ihm näher zu sein. Solche Treue war der einzige Lichtblick in diesenan und für sich so traurigen und widerwärtigen Vorgängen.Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan." Die Söhne des Fürsten Eulenburg folgten demVorbild der Mutter. Der älteste stand treu zu seinen Eltern, ich habe überihn nur Gutes gehört. Der zweite, Graf Sigwart Eulenburg , musikalisch sehrbegabt, verheiratet mit der trefflichen Kammersängerin Helene Staege-mann, starb im Weltkrieg auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Helden-tod. Der jüngste Sohn des Grafen Fritz Hohenau fiel als Flieger im letztenJahre des Weltkriegs im Luftkampf bei Peronne, der zweite Sohn desGrafen Johannes Lynar als Gardeulan in Galizien . Beide haben die Ver-fehlungen ihrer Väter ritterlich gesühnt.

Als ich in meiner Reichstagsrede vom 28. November 1907 die Behaup-Prozeß tung des Abgeordneten Spahn zurückwies, daß ich den Kaiser früher übergegen Brand e Verfehlungen einiger seiner Freunde hätte informieren müssen, hatteich gesagt, daß etwas Tatsächliches oder auch nur Greifbares erst im Früh-jahr 1907 zu meiner Kenntnis gekommen wäre. Ein verantwortlicherMinister könne so schwerwiegende Anschuldigungen nur erheben, wenn erin der Lage sei, Beweise vorzubringen. Ich fügte hinzu:Was wird in unsererZeit nicht alles geklatscht und gelogen. Bin ich nicht selbst der Gegenstandunwürdiger Verdächtigungen, sinnloser Verleumdungen gewesen?" Dasbezog sich auf den Prozeß, den ich gegen denSchriftsteller" Adolf Brand angestrengt hatte. Während ich in Flottbek weilte, war mir gemeldetworden, daß der Genannte, der eineGesellschaft der Eigenen" ins Lebengerufen hatte, welche dieBerechtigung" der Männerhebe verteidigte,mir sittliche Verfehlungen vorgeworfen habe. Ob es mir peinlich wäre,einen Prozeß gegen ihn zu führen ? Ich erwiderte, daß die Klage sofort er-hoben werden solle. Der Prozeß wurde in Moabit verhandelt. Zu der Ver-handlung hatte sich Philipp Eulenburg eingefunden, offenbar in der Hoff-