Druckschrift 
2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

wöhnisehen, mißtrauischen Augen gewogen und nachgeprüft werden, stellt meineGeduld auf eine harte Probe. Ich habe immer wieder gesagt, daß ich Englands Freund bin, und Ihre Presse oder wenigstens ein beträchtlicher Teil fordertdas englische Volk auf, meine ausgestreckte Hand zurückzuweisen, und insinuiert,daß in der andren ein Dolch verborgen sei. Wie kann ich eine Nation gegen ihrenWillen überzeugen ?

Ich wiederhole", fuhr Seine Majestät fort,daß ich Englands Freund bin, aberSie erschweren mir die Dinge. Meine Aufgabe ist keine von den leichtesten. Dievorherrschende Empfindung in großen Teilen der mittleren und unteren Klassenmeines eignen Volkes ist England nicht freundlich. Ich bin also sozusagen ineiner Minderheit in meinem eignen Land, aber sie ist eine Minderheit der bestenElemente, geradeso wie in England gegenüber Deutschland . Dies ist ein zweiterGrund, weshalb mich Ihre Weigerung, mein verpfändetes Wort, daß ich Englands Freund bin, anzunehmen, kränkt. Ich bin unauf hörlich bestrebt, die Beziehungenzu verbessern, und Sie erwidern, daß ich Ihr Erzfeind bin. Sie machen es fürmich sehr schwer. Warum ?"

Hierauf wagte ich, Seine Majestät daran zu erinnern, nicht England allein,sondern ganz Europa habe mit Mißbilligung kürzlich das Verhalten Deutschlands gesehen, daß es dem deutschen Konsul erlaubte, von Tanger nach Fez zurück-zukehren, und den gemeinsamen Schritt Frankreichs und Spaniens vorweg-genommen habe, indem es den Mächten nahelegte, es sei an der Zeit, daß Europa Muley Hafid als neuen Sultan von Marokko anerkenne.

Seine Majestät machte eine ungeduldige Bewegung.Ja", sagte er,das ist«in vorzügliches Beispiel, wie das Vorgehen Deutschlands falsch dargestelltwird. Zunächst also: die Reise des Dr. Vassel. Wenn die deutsche Regierung denDr. Vassel auf seinen Posten in Fez zurücksandte, war nur der Wunsch für siemaßgebend, daß er sich um die Privatinteressen deutscher Untertanen in dieserStadt kümmern solle, die um Hilfe und Schutz nach der langen Abwesenheit eineskonsularischen Vertreters riefen. Und warum sollte man ihn nicht senden ?Wissen diejenigen, die Deutschland beschuldigen, es sei den andren Mächtenzuvorgekommen, daß der französische Konsularvertreter schon mehrere Monatein Fez war, als Dr. Vassel aufbrach ? Dann: die Anerkennung von Muley Hafid.Die europäische Presse hat mit großer Schärfe beklagt, Deutschland hätte seineAnerkennung nicht empfehlen sollen, bis er Europa seine völlige Einwilligung inden Vertrag von Algeciras mitgeteilt habe als eine Verpflichtung für ihn als Sultanvon Marokko und Nachfolger seines Bruders. Meine Antwort ist, daß Muley Hafideine Mitteilung dahin schon vor Wochen gemacht hat, ehe noch die entscheidendeSchlacht stattfand. Schon in der Mitte des vergangenen Juli hat er eine identischeNote an die Regierungen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien gesandtmit der ausdrücklichen Anerkennung, daß er vorbereitet sei, alle Verpflichtungengegen Europa , die Abdul Aziz während seines Sultanats sich zugezogen hat,seinerseits zuzugestehen. Die deutsche Regierung hat diese Mitteilung als end-gültigen, autoritativen Ausdruck von Muley Hafids Absichten betrachtet und wardeshalb der Meinung, man brauche nicht eine zweite Mitteilung abzuwarten, bevorman ihn als den tatsächlichen Sultan von Marokko anerkenne, der seinem Bruderdurch das Recht eines Siegs auf dem Schlachtfeld auf dem Thron nachfolgte."