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DAS HARAKIRI
englischen Privatmann, mit der Bitte, die Veröffentlichung zu genehmigen,das Manuskript eines Artikels erhalten, in dem eine Reihe von GesprächenSeiner Majestät mit verschiedenen englischen Persönlichkeiten und zu ver-schiedenen Zeiten zusammengefaßt war. Jener Bitte lag der Wunsch zu-grunde, die Äußerungen Seiner Majestät einem möglichst großen Kreiseenglischer Leser bekanntzugeben und damit den guten Beziehungenzwischen England und Deutschland zu dienen. Der Kaiser ließ den Ent-wurf des Artikels an den Reichskanzler gelangen, der das Manuskript demAuswärtigen Amt mit der Weisung überwies, dasselbe einer sorgfältigenPrüfung zu unterziehen. Nachdem in einem Bericht des Auswärtigen Amts Bedenken nicht erhoben worden waren, ist die Veröffentlichung erfolgt.Als der Reichskanzler durch die Publikation des ,Daily Telegraph ' von demInhalt des Artikels Kenntnis erhielt, erklärte er Seiner Majestät dem Kaiser:er hätte den Entwurf des Artikels nicht selbst gelesen; andernfalls würdeer Bedenken erhoben und die Veröffentlichung widerraten haben; er be-trachte sich aber als für den Vorgang allein verantwortlich und decke dieihm unterstellten Ressorts und Beamten. Gleichzeitig unterbreitete derReichskanzler Seiner Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch. SeineMajestät der Kaiser hat diesem Gesuch keine Folge gegeben, jedoch aufAntrag des Reichskanzlers genehmigt, daß dieser durch Veröffentlichungdes oben dargestellten Sachverhalts in die Lage versetzt werde, den unge-rechten Angriffen auf Seine Majestät den Kaiser den Boden zu entziehen."
Sowohl Loebell wie namentlich Hammann hatten starke Bedenken gegendiesen Artikel, da ich mich dadurch persönlich zu sehr bloßstelle, weit mehr,als nötig wäre. Hammann meinte: „Wollen Eure Durchlaucht wirklich zurRettung der eigentlich Schuldigen ein solches Harakiri an sich selbst voll-ziehen?" Auch mein Stellvertreter im Reich, der Staatssekretär des Innernvon Bethmann Hollweg, riet mir dringend und, wie ich überzeugt bin,in redlicher Absicht, die Beamten des Auswärtigen Amts zu opfern, statt sieausdrücklich zu decken und alles auf mich zu nehmen. Es erschien mir abernicht würdig, es zu machen wie der russische Bauer, der, von Wölfen ver-folgt, ihnen erst seinen Hammel, dann sein Kind und schließlich seine Frauvorwirft, um sich selbst zu retten. Vor allem wollte ich die Krone aus derFeuerlinie bringen. Es stellte sich nur zu bald heraus, daß dies über meinVermögen ging, wie ich heute hinzufüge, auch über das Vermögen jedesunter den damaligen Verhältnissen und in der damaligen Lage im Amtbefindlichen Reichskanzlers.
Der Sturm, der sich wegen des „Daily-Telegraph"-Interviews in Deutsch -Wirkung in land erhob, galt nicht den bei der Behandlung dieser Angelegenheit be-Deutschland gangenen formalen Versehen. Die durch den „Daily Telegraph " bekannt-gewordenen politischen Betrachtungen und Äußerungen des Kaisers