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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS GEFÄSS LÄUFT ÜBER

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bildeten nur den Tropfen, der das bis zum Rande gefüllte Gefäß der öffent-lichen Unzufriedenheit über die sich immer wiederholenden Unvorsichtig-keiten und Entgleisungen Seiner Majestät zum Überlaufen brachte. DieNation wurde durch die englischen Gespräche Wilhelms II. gewaltsam, wiemit einem Rippenstoß, an alle politischen Fehler erinnert, die der Kaiserwährend der zwanzig Jahre seiner bisherigen Regierung sich hatte zuschul-den kommen lassen, an alle Warnungen, an alle grollenden Prophezeiungendes entamteten Fürsten Bismarck. Es ging auch wie eine dunkle Ahnungdurch die weitesten Kreise, daß ein so unvorsichtiges, übereiltes, unkluges,ja kindisches Reden und Handeln des Oberhaupts des Reichs schließlich zuKatastrophen führen könne. Der Kaiser selbst fühlte, wenigstens vorüber-gehend, den Boden unter seinen Füßen wanken. Er hatte die Absicht ge-habt, Ende Oktober Hamburg und Kiel einen kurzen Besuch abzustatten,gab aber dieses Projekt auf, nachdem ihm Ballin geschrieben hatte, er mögenicht Hamburg passieren, da dort unfreundliche Demonstrationen zugewärtigen wären. Dieser Avis au lecteur machte den Kaiser sehr betroffen.Er stattete mir am 31. Oktober, zwei Tage nach der Veröffentlichung desDaily Telegraph ", einen Tag nach dem Artikel in derNorddeutschenAllgemeinen Zeitung", einen mehr als zweistündigen Besuch ab. Er war,wie immer in kritischen Augenblicken, sehr weich, sehr klein. Ich verhehlteihm nicht, daß, wenn ich auch gern bereit wäre, mich nicht nur, wie diesmeine Pflicht sei, vor ihn zu stellen, sondern auch die Angriffe tunlichst aufmich zu lenken und immer wieder die bei der Behandlung des Artikelsbegangenen Büro-Versehen in den Vordergrund zu rücken, es im Reichstagdoch wieder auf eine große Debatte über das schon so oft beanstandetepersönliche Regiment Seiner Majestät herauskommen würde. Ich erinnerteden Kaiser daran, daß ich am 14. November 1906, also gerade zwei Jahrefrüher, vor dem Reichstag erklärt hätte: ich könne mir sehr wohl denken,daß ein Minister finden könne, daß ein übertriebenes persönliches Hervor-treten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchischer Subjektivis-mus dem monarchischen Interesse nicht zuträglich sei und daß er dafür dieVerantwortung vor Krone, Land und Geschichte zu übernehmen nicht inder Lage wäre. Ich würde diesmal ähnlich sprechen müssen, und das imInteresse der Krone. Der Kaiser antwortete mir sehr ruhig:Tun Sie,was Sie nicht lassen können." Mit fast bittendem Ausdruck fügte er hinzu:Bringen Sie mich nur durch, vor allem bringen Sie uns durch!" Seine ver-trauensvolle, kindliche Haltung rührte mich um so mehr, je weniger er mirVorwürfe wegen des Versagens des doch sonst von ihm gar nicht gehebtenAuswärtigen Amts machte.

Auch hier muß ich wieder einen Fehler beichten, diesmal aber nichteinen moralischen, sondern einen intellektuellen Irrtum. Ich hätte