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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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KABARETT IN DONAUESCHINGEN

unbedingt darauf bestehen müssen, daß der Kaiser während der bevorstehen-den Krisis in Berlin blieb. Das würde mir die weitere Behandlung SeinerMajestät sehr erleichtert haben. Wenn der Kaiser den damaligen Stand deröffentlichen Meinung in der Reichshauptstadt, die Stimmung im Parlament,die große Erregung auch und gerade in den intellektuellen Kreisen aus derNähe beobachtet hätte, so würde er mein Verhalten und Vorgehen ganzanders und weit richtiger beurteilt haben als aus dem sicheren Port inDonaueschingen , umgeben von zum Teil frivolen und unwissenden Ele-menten. Nun wünschte aber der Kaiser dringend, noch einmal mit dem Erz-herzog Franz Ferdinand von Österreich zusammenzukommen, und hielteine solche Begegnung im Hinblick auf die bosnische Krisis für durchausnotwendig. Er sehnte sich freilich auch nach Donaueschingen , wo ihmFuchsjagden, Kabarettvorträge, alle möglichen Genüsse in Aussicht ge-stellt waren. Ich gab seinem Wunsch nach, auch in der Erwägung, daß ichin einer parlamentarisch und politisch so bewegten Zeit, die so viele per-sönliche Rücksprachen und Direktiven von mir erforderte, die Schwierig-keiten besser überwinden würde, wenn ich nicht täglich von Berlin nachdem Neuen Palais in Potsdam zu fahren brauchte, wo, wenn er nicht aufReisen war, der Hof bis nach Weihnachten weilte. Bevor der Kaiser Berlin verließ, ermahnte ich ihn mündlich und schriftlich, weder in Wien noch inKonopischt noch gegenüber den in Donaueschingen weilenden Öster-reichern, unter denen sich der spätere Minister des Äußern Graf OttokarCzernin befand, hinsichtlich der Dardanellenfrage irgendeine Verpflichtungeinzugehen oder Zusagen zu machen. Wir müßten uns in dieser Beziehungganz freie Hand wahren. Gegen die russischen Wünsche in dieser Richtungwürde ich keinesfalls aktiv auftreten.

Bevor ich zur Reichstagsdebatte über denDaily-Telegraph "-ArtikelDie beteiligten komme, möchte ich in Kürze das weitere Schicksal der schuldigen BeamtenBeamten erwähnen. Klehmet überreichte mir nach unserer etwas stürmischen Unter-redung unmittelbar nach dem Erscheinen desDaily-Telegraph "-Artikelseine längere Aufzeichnung, die im wesentlichen wieder darauf hinauskam,er habe annehmen müssen, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffent-lichung des Artikelentschieden" verlange und daß die vorherige Mittei-lung an den Reichskanzler lediglich bezwecke, zu etwa wünschenswerterscheinenden Abänderungeneinzelner Stellen" die Möglichkeit zubieten. Er sei überzeugt gewesen, daß Seine Majestät den größten Wertdarauf lege, von dem dankenswerten englischen Anerbieten Gebrauch zumachen. Aus einem in der Fleischerschen Revue enthaltenen (mir, nebenbeigesagt, unbekannten) Aufsatz habe er geglaubt entnehmen zu dürfen,daß alles Wesentliche aus dem englischen Artikel bereits bekannt wäre.Um so weniger habe er gewagt, dementschiedenen Willen des Kaisers"