DER KAISER NICHT FÜR RATIIENAU
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mit dem bisherigen Reichsschatzsekretär Stengel nicht zu lösen war. Erwar ein gewissenhafter, vorzüglicher Beamter, aber als langjährigerbayrischer Bevollmächtigter zum Bundesrat mit dem bisherigen Systemzu eng verknüpft, um als scharfer Besen verwertet werden zu können.Auch stand er der Zentrumspartei nahe, die wünschte, mich anläßlich derFinanzreform und durch die Finanzreform zu Fall zu bringen.
Als Nachfolger dachte ich zunächst an Walter Rathenau , der viel inmeinem Hause verkehrte und mir wiederholt Beweise großer und feurigerVerehrung für mich gegeben hatte. Am Abend des 17. November übersandteer mir ein prächtiges Blumenarrangement mit seiner Visitenkarte, auf derstand: „Dem Retter des Vaterlands sein allezeit getreuer Walter Rathenau ."Ich glaube noch heute, daß er sich zum Reichsschatzsekretär wohl geeignethaben würde, besser als später zum Minister des Äußern. Bei Kaiser Wil-helm war er wohlgelitten. Ich habe schon gelegentlich erwähnt, daß demKaiser konfessionelle Voreingenommenheit und Rassenvorurteile, ins-besondere auch jeder Antisemitismus völlig fernlagen. Er meinte aber,daß die Ernennung eines Israeliten für dieses im damaligen Momentbesonders wichtige Amt des Reichsschatzsekretärs die Rechte zu sehr ver-stimmen würde, die ohnehin gerade in Steuerfragen schwer bei der Stangezu halten war. Aus diesem Grunde lehnte er auch den sehr klugen BankierCarl Fürstenberg ab und selbst seinen Liebling Albert Ballin . Ich binübrigens nicht sicher, ob die beiden letztgenannten, vorher und nachhervon mir sehr geschätzten Herren meinem Rufe gefolgt wären, wenn icheinen solchen an sie gerichtet hätte. Ich wendete mich dann an einenanderen hervorragenden Bankier, Herrn Waldemar Müller von derDresdner Bank. Er lehnte ab, da er gerade in diesem Augenblick nicht ausder Bank ausscheiden könne, deren Hauptdirektion kurz vorher zwei ihrerMitglieder verloren habe. So mußte ich einen Beamten wählen, und meineWahl war auf den bisherigen Unterstaatssekretär Sydow gefallen.
Sydow war ein ehrenhafter, fleißiger und gewissenhafter Mann, denviele der traditionellen guten Eigenschaften des preußischen Beamtenzierten, aber er besaß auch manche der Fehler, die unseren Bürokraten nuneinmal anhaften. Er war steif, er war starr, er übersah über kleinen Er-wägungen oft die große Linie, er war unbeholfen, er war zu gründlich. Erhatte nicht über das tiefsinnige Wort des französischen Dichters nach-gedacht, das freilich gerade der brave Deutsche schwer versteht:
Glissez, heureux mortels,n'appuyez pas.
Die Rede, mit der er sich am 19. November einführte, war offenbar in Die Kaiserinmühseliger Arbeit am Schreibtisch entstanden, lang, streng sachlich, aber interveniert
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