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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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EIN FRÜHSTÜCK IM BERLINER SCHLOSS

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im Orient gewesen, um nicht den Egoismus, die Unzuverlässigkeit und diedurchaus demokratisch-radikalen Instinkte der Balkanvölker zu kennen.Bulgaren und Serben, Rumänen und Griechen seien gleich nichtsnutzig,gleich unzuverlässig. Wenn die Dardanellen-Frage in einer für Rußland an-nehmbaren Weise geregelt würde, so wäre der Status quo auf der Balkan-halbinsel und der Fortbestand der Türkei alles in allem für Rußland dasErwünschteste. Als ich Iswolski sagte, daß sich die Türken bereits direktmit Österreich-Ungarn und Bulgarien in Verbindung gesetzt hätten, undzwar, soweit Bulgarien in Frage komme, auf Frankreichs Rat, zuckte erdie Achseln mit melancholischem Lächeln. Wahrheitsgemäß konnte ich ihmschließlich versichern, es sei mir ganz lieb, daß ich von Aehrenthal überdessen Annexionspläne erst so spät informiert worden sei. Auf dieseWeise hätte ich freie Hand und keine Verantwortung. Wir trennten uns infreundschaftlicher Weise. Als mir Iswolski immer wiederholte, er gehe inSt. Petersburg einem wahren Fegefeuer entgegen, er glaube nicht, daß ersich als Minister des Äußern halten werde, übrigens lauere sein AdjointTscharykow nur darauf, an seine Stelle zu treten, sagte ich ihm:Vousserez encore ministre ou ambassadeur, quand je planterai mes choux dansle jardin de la Villa Malta." Er erhob abwehrend die Hände:A Dieu neplaise! Restez ä votre poste, nous avons tous besoin de vous."

Kaiser Wilhelm hatte Iswolski zum Frühstück eingeladen; Ich hatteSeine Majestät gebeten, mit dem russischen Minister des Äußern keine ein- Isivohki Gastgehenderen politischen Gespräche zu führen, auf die bosnische Frage nur in rfes Kaisersallgemeinen Wendungen einzugehen, um so bestimmter aber unserenWunsch nach Aufrechterhaltung des Friedens und der traditionellen gutenBeziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu betonen. Vor allemmöge er den russischen Minister mit ruhiger Freundlichkeit behandeln.Leider befolgte Wilhelm II. diesen Rat nicht. Im Grunde war ihm jederMinister des Äußern unsympathisch, weil er am liebsten die großen poli-tischen Geschäfte mit den fremden Souveränen ohne Mittelsperson be-handelt hätte.Ich verstehe mich am besten direkt mit meinen Kollegen",pflegte er zu sagen. Ich erkenne aber dankbar an, daß der Kaiser, solangeer mich mochte, meinen Rat bereitwillig in Anspruch nahm, wenn auchnicht immer befolgte. Bei jenem Frühstück im königlichen Schloß am25. Oktober 1908 schien der Kaiser etwas darin gesucht zu haben, allepolitischen Bemerkungen, Anspielungen, geschweige denn Fragen des rus-sischen Ministers, zu überhören und das Gespräch immer wieder auf diegleichgültigsten Vorgänge zu lenken. Zur Abwechslung unterbrach derKaiser die Konversation durch uralte Kalauer und Anekdoten, unter großerHeiterkeit der anwesenden deutschen Gäste, denen vorher angekündigtworden war, daß Seine Majestät in dieser Weise Iswolski frozzeln" würde.