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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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GROSSE SITZUNG

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wenn England uns ehrlich, um Verhandlungen hittet, mit Eng-land zu verhandeln auf der Relation 3 : 4 in Linienschiffen, mit Fallen-lassen des Vorschlags vom Herhst, der Nichteinbringung einer Novelle 1912.Das kann anderweitig erledigt werden nach Tirpitz' Vorschlag. LassenEuer Durchlaucht sich also von Tirpitz eine Formel ausarbeiten, wo Zahlenund Typen vorläufig beiseitegelassen sind, die in großen Zügen unsereVorschläge darstellt, die wir machen wollen, falls die englische Regierunguns wieder Gelegenheit offizieller, verbindlicher Natur gibt, unsdarüber zu äußern. Natürlich muß sie ehrlich ihrerseits die Einstellungdes übermäßigen Baues uns vorschlagen und versprechen. Also Ver-handlungen in höflicher Form von gleich zu gleich, nicht aber perempto-rische Wünsche einerseits. Das ist der Inhalt des Vortrages von Tirpitzan Mich, mit dem Ich einverstanden bin. "Wilhelm I. R."

Zu dem kaiserlichen Brief, den ich wortgetreu wiedergebe, bemerke icherläuternd, daß der am Eingang genannte Müller der Chef des Marine- Konferenz imkabinetts, Plessen der von mir bereits eingehend geschilderte langjährige Reicns -diensttuende Generaladjutant und Kommandant des Kaiserlichen Haupt- kanzlerpalaüquartiers war. Am 3. Juni 1909 fand eine von mir einberufene Besprechungüber die Frage einer Verständigung mit England im Reichskanzlerpalaisstatt, an der außer mir, Tirpitz, Metternich die Staatssekretäre des Innernund des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, der Chef des Marine-kabinetts Vizeadmiral von Müller und der Chef des Generalstabs Generalvon Moltke teilnahmen. Ich lasse das amtliche Protokoll über diese Be-sprechung folgen:

Der Herr Reichskanzler eröffnet die Besprechung nach einem kurzenHinweis auf die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes mit Verlesung desBriefes Seiner Majestät des Kaisers vom 3. April 1909. In diesem Brief gibtSeine Majestät der Kaiser sein Einverständnis mit den Allerhöchstihmvon Admiral von Tirpitz vorgetragenen Anschauungen über eine eventuelleVerständigung mit England kund und weist den Herrn Reichskanzler an,von dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts eine Formel alsBasis für Verhandlungen ausarbeiten zu lassen. Der Brief tadelt das Ver-halten des Botschafters Grafen Metternich, der von den englischen Staats-männern keine Gegenleistung für unseren etwaigen Verzicht auf eineFlottennovelle erlangt und für das inkonstitutionelle Vorgehen desSir Charles Hardinge in Cronberg keine Sühne verlangt habe. Der HerrReichskanzler verliest hierauf ein Schreiben des Grafen Metternich, worindieser seine Haltung rechtfertigt. Der Herr Reichskanzler betont, daß unterden Anwesenden von persönlicher Empfindlichkeit nicht die Rede seindürfe und könne. Alle wären einig in dem Bestreben, Kaiser und Reichnach bestem Wissen zu dienen. Uber einen Punkt aber wolle er keinen