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DIE VERLANGSAMUNG DES BAUTEMPOS
Zweifel lassen. Erste Pflicht eines Vertreters Seiner Majestät im Auslandesei, die Wahrheit zu berichten und die Verhältnisse so zu schildern, wie siein Wahrheit lägen. Einen Botschafter, der das tue, werde er, der Reichs-kanzler, stets decken, unbekümmert darum, ob diese ungeschminkte Wahr-heit zu hören immer angenehm sei. Es nütze auch nichts, auf das Barometerzu schelten, weil es schlechtes Wetter anzeige.
Die zunächst zur Erörterung stehende Frage war, ob der Vorschlagdes Admirals von Tirpitz einer Relation von 3 : 4 mit Fallenlassen desVerzichts auf eine Novelle als Basis einer Verständigung mit England betrachtet werden könne. Nach der Ansicht des Botschafters würdeein derartiges an England gerichtetes Ansinnen in kürzester Frist zumKriege führen. Der Reichskanzler hob seinerseits hervor, daß nachallen ihm zugehenden Nachrichten die Stimmung in England uns gegen-über eine sehr ernste sei. Sie werde von der Befürchtung beherrscht, daßwir im Flottenbau den Engländern gefährlich nahe kommen könnten.Unter dem Eindruck dieser Besorgnis trete uns England in letzter Zeitüberall in der Welt feindlich gegenüber; es versuche auch andere Mächtein Konflikt mit uns zu treiben. Wir hätten dafür in jüngster Zeit mancheBelege erhalten. Ernsthafte Leute in England sähen einen Krieg mitDeutschland kommen. Es frage sich nun, wie in einem solchen Kriegeunsere Chancen liegen würden. Admiral von Tirpitz habe seine Ansichtdahin ausgesprochen, daß wir einem Zusammenstoß mit England inden nächsten Jahren mit Ruhe nicht entgegensehen könnten. Da drängesich die Frage auf, ob nicht eine Verständigung mit England möglichsei. Diplomatische Mittel genügten augenscheinbch nicht mehr, umEngland zu beruhigen. Eine Verständigung mit England über dieFlottenbaufrage könnten wir vielleicht erreichen auf der Basis einergegenseitigen Verlangsamung des Bautempos. Eine solche würdeam besten in Verbindung mit einer Verständigung in anderen Fragen, zumBeispiel auf kolonialem Gebiet, in Handelspohtik, und allgemeinpolitischerNatur, etwa in Form eines Neutralitätsabkommens, erfolgen. Unsere Be-ziehungen zu England seien die einzige schwarze Wolke am Horizont unsererauswärtigen Politik, der im übrigen jetzt heller sei als seit vielen Jahren.Wir hätten seit zwanzig Jahren in der Welt nicht so geachtet und gefürchtetdagestanden wie jetzt. Aber das Verhältnis zu England trübe den Ausblickin die Zukunft.
Graf Metternich gibt auf Anregung des Herrn Reichskanzlers eineSchilderung der Stimmung in England : Diese sei noch vor zwei Jahr-zehnten uns und dem Dreibund günstig gewesen. Durch die Krüger-De-pesche und die Haltung der deutschen öffentUchen Meinung während desBurenkrieges habe sie allerdings eine Trübung erfahren. Sie habe sich aber