INITIATIVE GEFÄHRLICH
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gründlich und ernstlich erst verdüstert, seitdem unsere Flottenbauten unddie Agitation für diese den Engländern die immer mehr anwachsende festeÜberzeugung beigebracht hätten, daß unsere Flotte eine ernste Bedrohungfür England bedeute, für welches die absolute Sicherheit und Überlegenheitauf maritimem Gebiet nun einmal eine Lebensfrage sei. Nicht die deutscheKonkurrenz auf dem Weltmarkt, wenn sie auch den Engländern un-bequem, wäre es, welche die tiefgehende Verstimmung erzeugt habe,sondern lediglich die deutsche Flottenpolitik.
Admiral von Tirpitz meint, daß sich in dem Briefe Seiner Majestätund dessen Auslegung vielleicht Mißverständnisse finden könnten. Ersei stets bemüht gewesen, Seine Majestät davon zu überzeugen, daß esunrichtig wäre, eine Diskussion über eine gegenseitige Verständigung inden Flottenrüstungen a limine abzulehnen. Bei dem von Seiner Durch-laucht berührten Immediatvortrage vom 3. April 1903, der auf Veranlassungdesselben erfolgt sei, habe es sich nur um die Vergangenheit gehandeltund habe er hierbei Seiner Majestät gegenüber erwähnt, daß sich imHerbste 1908 wohl Gelegenheit geboten haben würde, eine Relation 3 : 4in Neubauten als Grundlage für Verhandlungen mit England zu benutzen.Damals hätte der Vorschlag wohl Aussicht auf Annahme seitens Englands gehabt, da die Engländer damals nur vier neue Schiffe bauen wollten.Jetzt sei dies anders. Für solche Verhandlungen wäre es zweckmäßigergewesen, den Verzicht auf eine Novelle für 1912 nicht aus der Handgegeben zu haben, sondern ihn als Verhandlungsmittel auszunutzen. DieGefahr eines Zusammenstoßes mit England sei im übrigen seiner An-sicht nach nicht so groß, wie Graf Metternich es schilderte, die Verstimmungder Engländer wurzele nach seinen Erfahrungen in dem Unbehagen über diewirtschaftliche und politische Konkurrenz, die jetzige Erregung aber sei inder Hauptsache Mache Sir John Fishers, der die englische Admiralitätrepräsentiere und mit allen Mitteln der Perfidie gegen Deutschland arbeite.Je stärker wir unsere Flotten machen, desto mehr wird sich England hüten,mit uns ernstkch anzubinden. Er glaube, daß der „navy scare" in England überwunden sei. Er könne nur nochmals bedauern, daß Graf Metternich dieZusicherung, es sei 1912 keine Novelle beabsichtigt, ohne Gegenkonzessiongegeben habe, aber er, der Staatssekretär, sei bei der dem Grafen Metter-nich erteilten Instruktion nicht gehört worden. Eine Initiative zu einerVerständigung mit England unsererseits zu ergreifen, halte er nach demVerhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr nicht für angezeigt,ja für gefährlich. England solle seinerseits zunächst mit Vorschlägen hervor-treten, dann könne man ja hören, was angeboten wird, und danach seinGegenangebot machen. Übrigens gingen unsere Neubauten im Jahre 1912von vier auf zwei Schiffe herunter, ein Umstand, der an sich schon eine Ver-
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