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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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POLITIK DES VOGELS STRAUSS

langsamung des Bautempos darstelle und als solche den Engländern hättedargestellt werden müssen. Diese Tatsache bedeute aber seines Erachtens,daß ein erneuter Agreements-Versuch gar nicht zu erwarten sei. In keinemFalle könnten wir uns auf eine Verständigung mit England ohne genügendemilitärische Gegenleistungen von englischer Seite einlassen. Im ganzen seier in jetziger Lage für ruhiges Abwarten.

Graf Metternich betont nochmals, daß er von Seiner Majestät demKaiser die bestimmte Weisung erhalten habe, den Engländern zu sagen,Seine Majestät habe nicht die Absicht, über das Flottenprogrammhinauszugehen. Von einer etwaigen Novelle für 1912 habe er bis vorwenigen Tagen nie etwas gehört.

Admiral von T i r p i t z erklärt, daß es allgemein, auch bei den Engländern,bekannt sein müßte, daß das Jahr 1911 ein kritisches sei, in dem eineNovelle erwartet werden könnte. Die Befürchtung der Engländer, daß ineinigen Jahren eine abermalige Novelle zum deutschen Flottengesetzkommen werde, sei vom Herrn Botschafter bereits in seinem Berichteüber die Unterredung mit Sir Charles Hardinge vom 30. Juni 1908 klarausgesprochen worden.

Der Herr Reichskanzler hebt hervor, daß er bisher aus den münd-lichen und schriftlichen Besprechungen mit dem Herrn Staatssekretärdes Reichsmarineamts niemals den Eindruck erhalten habe, daß diesereine Verständigung mit England in der Flottenfrage wünsche. Er sei er-staunt, jetzt zu hören, daß der Herr Staatssekretär im vorigen Herbst einesolche Verständigung für möglich und sogar für erstrebenswert gehalten habe;davon habe er, der Reichskanzler, bisher keine Ahnung gehabt. Er versteheaber auch nicht recht, warum das, was damals dem Staatssekretär möglich undnützlich erschienen wäre, jetzt von ihm perhorresziert würde. Die Beunruhi-gung in England sei nicht Mache Sir John Fishers, sondern entspringe leiderder tiefen und festen Uberzeugung des englischen Volks, daß das Anwachsenunserer Seemacht das britische Reich an der Wurzel bedrohe. Darüberdürften wir uns keinen Täuschungen hingeben. Man könne mancherlei Po-litik treiben; die bedenkbchste Politik aber sei die PoHtik des Vogels Strauß.Trotz der von uns allen anerkannten und bewunderten Tüchtigkeit unsererFlotte seien wir, nach der Ansicht des Admirals von Tirpitz, jetzt nicht inder Lage, einen Konllikt mit England siegreich zu bestehen. Um die zwischenheute und dem Ausbau unserer Flotte hegende Gefahrzone zu durch-schreiten, empfehle sich eine Verständigung mit England . Selbstverständ-lich könne eine solche Verständigung nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Daßer, der Reichskanzler, keine Lösung akzeptieren und keinen Schritt emp-fehlen werde, der nicht im vollen Einklang mit der Würde der Nation sei,brauche er nicht besonders zu betonen. Dafür bürge wohl die Art und Weise,