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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SCHEITERN BEDEUTET KRIEG

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wie er seit nunmehr zwölf Jahren die auswärtigen Geschäfte des Landesführe.

Admiral von Tirpitz verschließt sich nicht der bestehenden Gefahr,auf die er auch schon früher aufmerksam gemacht und deren Erkenntnisihn auch veranlaßt habe, die Agitation des Flottenvereins unter GeneralKeim zu mißbilligen. Er sei auch für Herbeiführung einer Detente. In bezughierauf und auf die Darlegung des Herrn Reichskanzlers verweise er aufseinen schriftlichen Bericht an Seine Durchlaucht vom 20. Januar 1909,in dem er gemeldet habe, daß er durchaus der Ansicht des Herrn Reichs-kanzlers sei, man dürfe eine erneute Anregung seitens Englands , in einevertragsmäßige Verminderung der beiderseitigen Flottenbauten einzu-treten, nicht a limine ablehnen, schon allein aus dem Grunde nicbt, um dasOdium einer solchen Abweisung von uns abzuhalten. In diesem Berichtehabe er, der Staatssekretär, weiter gemeldet, daß er sich schon Ende Sep-tember 1908 bemüht habe, Seiner Majestät dem Kaiser diesen Standpunktklarzulegen. Sein in demselben Bericht gemachter Vorschlag der Grundlageeiner Relation von 3 : 4 würde den Engländern innerhalb zehn Jahren nochimmer nahezu die Stellung des Two Powers Standard, nämlich des Ver-hältnisses 2 : 36 gegeben haben.

Staatsminister Bethmann hält eine Initiative unsererseits zu einerVerständigung nur dann für ratsam, wenn wir einen bestimmten Vor-schlag zu formulieren in der Lage wären. So weit 6eien wir aber in derheutigen Beratung noch nicht gelangt. Vielleicht lasse sich eine gewisseDetente mit England auch auf kolonialem Gebiete und in der Handels-politik erreichen. Für letztere schienen ihm aber die Voraussetzungen,nämlich der Übergang Englands zum Schutzzoll, zu fehlen.

Graf Metternich hält eine Verständigung über koloniale und handels-politische Fragen für erwünscht, aber nicht für genügend zur Beruhigung Eng-lands . Diese sei allein durch eine Flottenverständigung zu erzielen. Sollte esnicht möglich sein, eine Konzession an England durch Verlangsamungunseres Bautempos in Schiffen zu machen? Admiral von Tirpitz weistdemgegenüber auf den Sprung hin, der im Jahre 1912 von vier auf zweiSchiffe stattfinden wird.

Der Herr Reichskanzler stellt zur Erwägung, ob nicht Graf Metternichermächtigt werden soll, den Engländern gesprächsweise zu sagen, wir seienbereit, in Flottenfragen mit uns reden zu lassen, dabei zwar seinerseitskeine konkreten Vorschläge zu machen, aber anzudeuten, daß unsereKonzessionen in Verlangsamung des Bautempos und in Verzicht aufNovellen bestehen könnten. Staatsminister von Bethmann wirft zu-nächst die Frage ein, ob eine Verlangsamung des Bautempos ohne Ände-rung des Flottengesetzes möglich sei. General von Moltke vertritt den

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