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Die Agrarreform in Preussen / von Lujo Brentano
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der Zähigkeit, Energie, Gewandtheit und Schlauheit, mit dervon Dr. Miquel, seit er nach der Annexion von Hannover zuin ersten Male in den preufsischen Landtag eintrat, bis zumheutigen Tage an der Verwirklichung des Möserschen Idealsgearbeitet hat, die Bewunderung versagen wird. Andersfreilich stellt sich das Urtheil, wenn man den wahrschein-lichen Erfolg des Programms ins Auge fafst.

Denn es ist lediglich mit Rücksichten auf diesen wahr-scheinlichen Erfolg, dal's dieses Programm hier beurtheiltwerden soll. Weder seine weiteren Wirkungen, 'wenn es er-folgreich wäre, sollen ins Auge gefafst, noch auch soll esvom Standpunkt irgend welcher politischer Prinzipien gepriesenoder verworfen werden. Vor allem nicht das letztere! Dennwer von prinzipiellen Gesichtspunkten aus urtkeilt, wird nieden überzeugen, der auf dem Standpunkte anderer Prinzipiensteht; und ich möchte es den Anhängern des neuen Agrar-rechts nicht so bequem machen, dafs sie meine Kritik mit demHinweis auf eine andere Weltanschauung, von der sie und ichausgingen, von der Hand weisen könnten.

Also: welche Zukunft hat das neue Agrarrecht? Seinwahrscheinlicher Erfolg wird in erster Linie davon abliängen,ob die ländliche Bevölkerung sich bereit finden wird, auf dieWiedereinführung ihrer Abhängigkeit von einem Obereigen-thümer und aut die Fülle von Beschränkungen in der Ver-fügungsfreiheit des Rentengutsbesitzers sich einzulassen.

Dafs die Bauern sich nicht wieder herbeilassen werden,Land gegen Dienstverpflichtungen zu übernehmen, wird bereitszugegeben. Regierungsrath Waldhecker von der General-kommission in Bromberg berichtet: 3a )In der That ist dieFestsetzung von Arbeitsleistungen Arbeitsstellen mit Dienstenfür den Gutsherrn in Form von Rentengütern in der Praxisnoch niemals vorgekommen. Da, wo sie der Gutsbesitzer alsBedingung des Verkaufs in einem einzelnen Falle ankündigte,haben sich keine Käufer gefunden, weil ein derartiges Ab-

M ) Siehe Waldhecker, die preufsischen Renteugutsgesetze, S. 71.