ZO5
2ch besuchte gestern (24. Juli) Graf Witte in Bad Lalzschlirfund sprach ihn einigemal im Laufe des Tages, zuerst bereits um l 0 Ahrvormittags. Nach der Begrüßung und der Besprechung einiger allge-meiner und privater Angelegenheiten sagte ich zu Witte: „Zch dankeIhnen vielmals für ihren letzten freundlichen Brief und Ihr Tele-gramm. Die von Ihnen angeregte Frage einer deutsch -russischenMonarchenbegegnung erscheint mir so außerordentlich wichtig, daßich wohl annehmen darf, persönlich etwas Bestimmteres darüber zuhören/
Witte erwiderte: „Zunächst möchte ich wiederholen, was ich Ihnengegenüber bereits mehrmals mündlich und schriftlich geäußert habe, daßmir gar nicht daran liegt, zum Unterhändler des bevorstehenden Handels-vertrages ernannt zu werden. Wer russischerseits auch unterhandelnmag — es wird ihm kein Lorbeer erblühen. Ich halte eine Be-gegnung zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Zaren in den aller-nächsten Wochen für sehr bedeutungsvoll. Haben Sie die französischenZeitungen gelesen? Der Ton, den Jules Hedeman jetzt anschlägt, istja direkt herausfordernd. Äch kenne Hedeman und weiß, daß er imGrunde nur das schreibt, womit Lasonow, Poin^re und Paleologue (der französische Botschafter in Petersburg ) zufrieden sein können.Überhaupt wird der Ton der französischen und russischen Presse jetztnach der Zusammenkunft in Peterhos arroganter werden. Es ist nichtdaran zu zweifeln, daß auch die russische und französische Diplomatiein einer anderen Sprache mit den deutschen Diplomaten verkehrenwerden. Die Annäherung mit England macht doch bedeutende Fort-schritte: ob Flottenkonvention oder nicht — England würde jetztzu Rußland und Frankreich halten. Käme aber jetzt eine Be-gegnung zwischen dem Zaren und dem Deutschen Kaiser zustande, sowürde das von allergrößter Bedeutung sein. Die Hetzer sowohl inRußland als in Frankreich würden die Nase hängen lassen, währenddas öffentliche Bewußtsein eine tiefgehende Beruhigung erfahrenwürde/