Druckschrift 
Albert Ballin / Bernhard Huldermann
Entstehung
Seite
304
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ZO4

Ich fragte Witte: «Glauben Sie, Lergei Iuljewitsch, daß der Zargern eine sich darbietende Gelegenheit, mit dem Deutschen Kaiser zu-sammenzukommen, ergreifen würde?"

Witte erwiderte: «Ich bin fest davon überzeugt. Ich darf mitruhigem Gewissen sagen, daß der Zar sich darüber freuen wird. DieBeziehungen zwischen dem Aaren und dem Kaiser sind nicht gewöhn-licher Natur. Lie sind Duzfreunde, und der Aar ist jedesmal besterLaune, wenn er den Kaiser gesprochen hat. Glauben Sie mir, findetdiese Begegnung statt, so ist der Eindruck des französischen Besuchesauf den Zaren wie weggewischt. Der ganze Pomp des französischenEmpfanges, der jetzt durch die Preßhetzereien noch mehr aufgebauschtwird. wäre wie weggeblasen. Diese Begegnung würde unzweideutigzum Ausdruck bringen, daß, obwohl der Zar großes Gewicht demrussisch -französischen Bündnis beilegt, er doch durchaus in guten Be-ziehungen zu Deutschland bleiben will. Die Begegnung müßte rechtbald stattfinden etwa in vier bis sechs Wochen denn nach zweiMonaten reist der Zar bereits nach Livadia . In den nächsten Wochenfinden die Manöver statt, dann begibt sich der Zar nach den finnischen Schären, wo meiner Ansicht nach die Begegnung gut stattfindenkönnte."

Ich fragte Witte: «Glauben Sie nicht, daß, wenn die offizielleInitiative zu dieser Begegnung von deutscher Leite ausgeht, diese ge-wissermaßen als eine Schwäche gedeutet werden könnte, besonders inAnbetracht der jetzt bestehenden Spannung!"

Witte erwiderte: «Durchaus nicht, wenn man berücksichtigt, daßdas Verhältnis zwischen dem Zaren und dem Kaiser, wie ich Ihnenbereits sagte, einen besonders freundschaftlich-intimen Charakter hat.Ich weiß nicht, was der Deutsche Kaijer jetzt darüber denkt oderempfindet, aber ich bin überzeugt, daß er politisch hervorragend undklug genug ist, um den richtigen Weg zu wählen, der zu einer Begeg-nung führen würde. Er könnte z. B. direkt an den Zaren schreiben,daß, da leider die deutsch -russischen Beziehungen insolge der beider,