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Wien galt, schon deshalb, weil er ein Partner der täglichenTarockpartie des alten Kaisers war. Die Stimmung wurdeBallin von Schulz als stark verbittert dadurch geschildert, daßDeutschland zu früh als „Advokat für Italien " aufgetretensei, zu einer Zeit, als Österreich noch glaubte, Serbien er-ledigen zu können. Darin habe es ja versagt, aber ebensohabe Deutschland in seiner Kriegführung versagt, da es mitEngland gar nicht gerechnet habe und Frankreich nicht so schnellhabe niederwerfen können, wie es geglaubt habe. Jetzt werdeÖsterreich freiwillig unter dem Druck der Notwendigkeit Italien Konzessionen machen müssen, gegen die sich jedes österreichischeHerz sträube, und für ein aktives Eingreifen Rumäniens werdeauch Tisza ein Gpfer in der Bukowina für diskutabel halten,aber niemals in Siebenbürgen . Bezüglich des letzteren Punk-tes, Rumänien , erklärte Ballin seinem Freunde, daß er dieAufgabe betreffend Italien bereits für so schwer halte, daß erdamit seine Mission nicht noch belasten möge, die rumänischeFrage müsse Österreich aus sich heraus lösen.
Die Unterhaltungen, die Ballin alsdann mit dem Minister-präsidenten Graf Ltürgkh und demMinistervonKoerbersowie mit anderen einflußreichen Persönlichkeiten hatte, be-stätigten diese Eindrücke, und er schied von Wien mit der Hoff-nung, daß eine geplante deutsch -italienisch-österreichische Kon-ferenz, die in Wien stattfinden sollte, zustande kommen undErfolg haben werde. Das war aber nicht der Fall, und wahr-scheinlich war es auch damals für eine Einigung mit Italien bereits zu spät oder jedenfalls so spät, daß nur ein sehr promp-tes, weitgehendes Entgegenkommen Österreichs noch etwas