Ueber eines bin ich mir dabei klar: Die allererste Voraus-setzung erfolgreichen Wirkens auf diesem schweren Posten istdas Vertpauen und die Unterstützung aller zur Mitarbeit Berufenen.Um dieses Vertrauen und um diese Mitarbeit möchte ich Sie ein-dringlich bitten. Ich werde mit schweren Fragen an Sie heran-treten müssen, mit Fragen, die gewaltige Interessen auf das tiefsteberühren. Und das weiss ich im voraus: ich werde nicht immerdas Glück haben, mit Ihnen Allen einer Meinung zu sein,schon deshalb nicht, weil Sie ja unter sich selbst nicht dieGepflogenheit haben, immer am selben Strange zu ziehenund die Schuhe über den gleichen Leisten zu schlagen.Aber ich hoffe, ein Hauch des Geistes, der, seit die grosseStunde geschlagen hat, durch alle deutschen Lande undalle deutschen Herzen geht, wird auch die künftigen Meinungs-verschiedenheiten und Interessenkonflikte auf meinem Arbeitsge-biete abmildern. Ich weiss sehr wohl, dass die Gegensätzlichkeitender Weltanschauungen und der materiellen Interessen auch durchdiesen Krieg nicht aus der Welt und aus dem deutschen Volkeverschwinden werden. Ich weiss sehr wohl, dass Sie nicht daraufverzichten können Und nicht darauf verzichten dürfen, die An-schauungen und Interessen Ihrer Kreise, Ihrer Berufsstände, IhrerParteien zu vertreten. Und ich glaube, das ist gut sol Was Lebens-kraft hat und wachsen will, muss sich rühren und wehren. Rei-bung erzeugt Wärme, — das gilt auch im Leben der Völker!Nur darf die aus dem Leben geborene und Leben spendende Wärmenicht zum zerstörenden Fieber und zur verheerenden Feuersbrunstwerden. Der wohltätige Widerstand, der hier eingeschaltet werdenmuss, ist das alles überragende Bewusstsein unserer deutschenLebens- und Kulturgemeinschaft, die alles umfassende Liebe zuunserem grossen deutschen Vaterland.
Und nun, meine Herren, lassen Sie mich etwas näher an denGegenstand unserer heutigen Tagesordnung herankommen. Ich habeIhnen den Haushaltsentwurf für das Rechnungsjahr 1915 zuerläutern und zu begründen. Ich nehme an, dass es Ihren Wünschenentspricht, wenn ich mich in meinen heutigen Ausführungen nichthierauf beschränke, zumal da zum Etat selbst nicht allzuviel zusagen ist. Ich beabsichtige, Ihnen im Anschluss an die Etatsbegrün-
Helfferich, Reden und Aufsätze. 7