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Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
Entstehung
Seite
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dung einen Ueberblick über die Entwicklung und die Lage aufdem finanziellen Kriegsschauplatz zu geben, einen Ueberblicksowohl über unsere eigenen Massnahmen als auch über die Mass-nahmen unserer Feinde. Nur aus einem solchen Ueberblick herausglaube ich Ihnen die Notwendigkeit des im ausserordentlichenEtat von uns angeforderten neuen Kriegskredits von 10 MilliardenMark näherbringen zu können.

Ich möchte hier aber auch gleich sagen, worüber ich nicht zusprechen gedenke: das ist mein finanzielles Programm für dieZukunft und zwar iaus dem sehr einfachen Grunde: der Schelmgibt mehr, als er hat! Ein praktisches und praktikables Programmbraucht einen festen Untergrund von Tatsachen. Dieser Unter-grund ist heute noch nicht da. Er wird erst durch denAusgang des Krieges und durch die Bedingungen des Friedens-schlusses geschaffen werden. Ich hoffe also, Sie sind nicht ent-täuscht, wenn ich das abwarten will.

Heute möchte ich Ihnen nur eins sagen: Ich werde an diegrossen Aufgaben, die in jedem Fall kommen werden, herantretenohne jede Befangenheit und unbeirrt durch Schul- und Parteimei-nungen. Wir alle, meine Herren, werden wohl in manchen Punktenüberkommene Anschauungen daraufhin prüfen müssen, ob siegegenüber den Erfahrungen dieses Krieges und gegenüber dendurch den Krieg geschaffenen neuen Problemen einer Revisionbedürfen. Mir scheint, wir werden alle mehr oder weniger um-lernen müssen; denn die Zeit, die wir durchmachen, ist das grössteErlebnis, das je einer Generation beschieden war und Erlebenheisst für den denkenden Menschen Lernen.

Aber ich wollte nicht von der Zukunft sprechen, sondern vonder Gegenwart. Ich komme also zum Haushaltsentwurf.

Der Entwurf ist in der Geschichte des Deutschen Reichesdas erste Kriegsbudget. Sie dürfen sich deshalb nicht wundern,wenn er schon äusserlich anders aussieht als seine unmittelbarenVorgänger. Es geht ihm wie so manchem einst wohlbeleibten Land-wehrmann und Landsturmmann draussen im Felde: er ist umeinige Pfund magerer geworden. Aber, meine Herren, dasist leider nur äusserlich; der innere Unterschied geht nachder andern Seite, und dieser innere Unterschied ist beträcht-