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beschloß dieselbe Nationalversammlung in dem Weimarer National-thcater, in den Räumen, die durch Schillers und Goethes Geniusgeweiht sind, die schimpfliche Kapitulation. Der noch am 12. Maiso mutige Ministerpräsident hat, statt für seine Ueberzeugung zukämpfen, statt seine Partei bei der Stange zu halten, seinen Postenvor dem Feind verlassen. In der. beispielosen Kopflosigkeit undVerwirrung l)at der, Mann nach dem Steuer gegriffen, der in die-sem Krieg Deutschlands größtes- Verhängnis war, ein größeres nochals Lloyd George , Clemenceau und Wilson zu-sammengenommen : der Reichsverderb er Matthias Erzber-g e r. Unter der Flagge Schwarz und Rot hat er das Schiff desFriedens in den Hafen der Schmach gebracht. Er hat es erreicht'.
Aber gibt es irgend jemanden im deutschen Volk, der so ver-blendet und hirnverbrannt ist zu meinen, daß dieser uns aufge-zwungene Friedensvertrag der Friede sei? — Auch die Befürworterder Unterzeichnung haben stets betont, daß die Friedensbedingungenfür das deutsche Volk schlechthin unerfüllbar sind. Gerade die deut-sche Unterschrift unter dem Friedensvertrag wird unsern Feindenden Schein des Rechts liefern für jede weitere Gewalt, die sie demdeutschen Volke antun wollen. Die Unterzeichnung wird nichtdas Ende des Trauerspiels sein. Der kaum gefallene Vorhangwird sich wieder heben. Neue Schmach und neue Leidenstehen uns bevor. Wir werden den Kelch bi,s zur Neigeleeren müssen, bis daß unter all den selbstverschuldeten Prüfungenund Züchtigungen das deutsche Volk sich auf sich selbst besinnt, bisdaß es, in Not und Elend neu geläutert und neu gehärtet, dieKette., bricht und seine Verderber und Peiniger abschüttelt, bhs daßdie Zeit kommt, wo wieder der Ruf durch die deutschen Lande geht,den einst der im Schmerz um sein Vaterland verblutende Feuergeisteines Heinrich von Kleist lM erschallen lassen:
„Stehst Du auf, Germania ?Ist der Tag der Rache da?"
Kommilitonen! Ihr seid die Jugend! In Eurer Hand liegtdie Gestaltung der künftigen Geschicke unsres deutschen Volkes! Euchwird es hoffentlich beschicken sein, die Schmach auszulöschen unddas deutsche Volk wieder zu einem Leben zu führen, das menschen-würdig ist!,
Der erste Schritt ist Selbstbesinnung.
Wir müssen das deutsche Volk herausbringen aus der Betäu-bung und Lähmung, in die es die furchtbaren Schläge der letztenacht Monate versetzt hahen. Wir brauchen wieder klare Augen. Wirmüssen sehen, erkennen, wir müssen andere sagm, wie es hat s»kommen könnm und wo der Weg ins Freie ist.