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Lassen Sie mich anknüpfen an das Wort, das in denschweren, einem jeden an das Herz greifenden Kämpfen der letztenWoche um Annahme oder Ablehnung des Schmachfried ens mehr als«lles andere ins Gewicht fiel; an das Wort:
„Das deutsche Volk ist moralisch gebrochen;es ist nicht mehr imftand, die Folgeneiner Ablehnung auf sich zu nehmen undb u x ch z u h a l t e n."
In dem Ausruf an sein Volk, den Friedrich Wil-helm III. am 17. März 1812 erließ, standen die Worte:
„ Keinen andern Ausweg gibt es, als»inen ehrenvollen Frieden oder einen ruhm-vollen Untergang. Auch diesem würdet Ihrgetrost entgegengehen, weil ehrlos derPreuße und Deutsche nicht zu leben vermia g."
Das ist damals, und das ist jetzt!
Damals hat dqs preußische und deutsche Volk gegenüber derfurchtbaren napoleonischen Uebermacht die Schicksalswahl ange-nommen. Es hat unerschrocken dem runwollen Untergang in dieAugen gesehen und damit den chrenvollcnFrieden erkämpft. Heutemüssen wir uns von den Befürwortern der schmachvollen Unter-werfung sagen lassen, daß unser Volk nicht mehr über die mora-lische Kraft verfügt, seine Wahl zu treffen.
Und in der Tat, wir brauchen uns nur umzusehen, um dieentsetzlichen.Verwüstungen in der Moral des deutschen Volkes ge-wahr zu werden. Jeder Tag bringt neue Zeichen der Auflösungdes Sinnes für deutsche Zucht und deutsche Ordnung, für deutsche Zusammengehörigkeit und deutsches Staatsgefühl. Jeder Tag bringtneue Zeichen für den erbärmlichen Kleinmut und die stumpfsinnigeGleichgültigkeit gegenüber unsern höchsten Gütern, für das hem-mungslose Ueberwuchern des ödesten und blödesten Materialismus,des borniertesten und kurzsichtigsten Egoismus.
Das ist aus dem wunderharen Geist der Einheit und Ent-schlossenheit geworden, in dem das deutsche Volk im August 1914zu den Waffen griff, um HawS und Herd, deutsche Arbeit unddeutsches Wesen vor fremder Gewalt zu schützen!
Dieser in der Geschichte der Völker beispiellose moralischeZusammenbruch ist es, der in der entscheidenden Stunde des Krie-ges unsere Kampfkraft und Widerstandsfähigkeit vernichtet, der unsdie fälschlich „Waffenstillstand" genannte Entwaffnung gebracht, deruns schließlich in dchs Elend und die Schande des Versailler „Frie-dens." geführt hat.
Auf vielen Tausenden von Lippen liegt heute die schmerzlicheFrage: Wie war es möglich, daß unser Volk nach mehr als vierJahren eines Heldenkampfes ohnegleichen so elend in sich zusam-