Druckschrift 
Der Friede von Versailles / Rede an die akademische Jugend ... von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

7

menstürzte? Wie war es möglich, daß auf die höchste Anspannungaller vaterländischen Tugenden die Wahnsinnsorgie der nationalenSclbstentäußerung, dn Verleugnung und Beschmutzung alles dessenfolgen konnte, was unserem Volke heilig war und es großgemacht hat?

Ich weiß, die Ursachen sind vielgestaltig nnd lassen sich nichtohne weiteres auf eine einheitliche Formel bringen.

Ich will die zermürbenden Wirkungen des Krieges selbst nichtunterschätzen. Die Ueberspannung aller Kräfte bei mangelhafter Er-nährung haben den körperlichen Zustand des deutschen Volkes ineiner Weise herabgebracht, daß auch die moralische Widerstands-fähigkeit berührt werden mußte. Die seelischen Leiden, von denenkeiner verschont geblieben ist, haben ein übriges getan. Derjähe Absturz von der Höhe unserer militärischen Erfolg« imJuli' und August 1918 tras das deutsche Volk unvorbereitetund erschütterte seinen Glauben an sich selbst und seinbisher unbedingtes Vertrauen in die militärischen Führer, die imVerlauf des Krieges der feste Stein des Glaubens an unserenSieg geworden waren.

Alles das macht eine morallische Depression erklärlich, wie wirsie zu Z-eiten auch bei den Völkern unserer Feinde beobachten konn-ten. Wenn aber bei uns die moralische Depression zur morali-schen Katastrophe geworden ist, so fällt die Schuld daranauf die Maulwürfe, die in langer unterirdischer Arbeit den Boden un-serer nationalen Selbstbehauptung unterwühlt und unterhöhlt habe«.In das Verhängnis geführt haben uns die W a h n i d e e n, die un-serem Volke in Heer und Heimat in leichtfertiger und geradezuverbrecherischer Weise eingeimpft worden sind; die Wabnideen, diesich schließlich in vielen Millionen von Köpfen zu der Ueberzeu-gung verdichteten: der Verteidigungskrieg ist eine Lüge; der deutsche Imperialismus" ist am Krieg schuldig oder zum mindesten mit-schuldig; wir könnten längst einen erträglichen und ehrenvollenFrieden der Verständigung haben, wenn nicht die Eroberungsgelüsteunserer Gewalthaber ihn verhinderten; der Kaiser, unsere monar-chische Staatsform und unserMilitarismus " sind Friedenshin-dernisse, die einer Verständigung mit den Völkern unserer Feindeentgegenstehen; werden diese Hindemisse beseitigt, bekennen wir unslaut und immer wieder zu einem Frieden derV erstand ignng", be-kennen wir reumütig unsere Schuld und zeigen wir uns bereit,Buße zu tun, dann ist der Friede da; und sollte sich eine feind-liche Regierung widersetzen, uns dann einen ehrenvollen Friede« z«gewähren, so wird sie von dem Sturm des solidarisch fühlendenProletariats hinweggefegt werden!

Wer von Ihnen l>at solche Klänge nicht gehört? Sie kamenin den verhängnisvollen Monaten immer lauter und lauter a«4den arbeitenden Massen, die so lange unter- harten Entbehrungen ihre