Die Baummollfrage.
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Was Ägypten anlangt, so ist das verfügbare Areal relativ klein, und es hatauch durch den großen Staudamm bei Assuan nur eine Vergrößerung um etwa15 Prozent erfahren. Eine sehr bedeutende Steigerung der Produktion wird auch hiernicht möglich sein. Dagegen sind gerade in den allerletzten Tagen Nachrichten ausÄgypten gekommen, nach denen in den dortigen Baumwollgebieten große Massen vonHeuschrecken aufgetreten sind — zum ersten Male wieder seit 1891 —, die der jungenBaumwollsaat gefährlich zu werden drohen. Bewahrheiten sich die Besorgnisse, dannwürde die Knappheit an amerikanischer Baumwolle in diesem Jahre durch einenschlechten Ausfall der ägyptischen Ernte noch verschärft werden.
Wenn so die Verhältnisse der wichtigsten Produktionsgebiete die europäischenIndustriestaaten nötigen, sich mit dem Gedanken einer längere Zeit andauerndenStockung der Baumwollproduktion vertraut zu machen, so kommt als ein weiteresMoment hinzu, daß auch die weltwirtschaftliche Verschiebung im Baumwollverbrauch,wie wir sie für die letzten Jahrzehnte beobachtet haben, aller Voraussicht nach auch inder Zukunft noch iveitere Fortschritte zuungunsten Europas machen wird. Die Zu-nahme der Baumwollverarbeitung in den Gebieten der Baumwollerzeuguug beruht aufden natürlichen Vorteilen, welche die Nähe der Gewinnungsstätte des Rohstoffs einerjeden Industrie gewährt, sobald nur die nötigen Arbeitskräfte, die nötige technischeSchulung der Arbeiter und die erforderlichen Kapitalien für einen industriellen Betriebvorhanden sind. Je mehr Amerika und Indien in ihrer ganzen Entwickelung fort-schreiten, desto mehr werden diese letzteren Voraussetzungen gegeben sein, desto größermuß infolgedessen der Anteil werden, den diese Länder von ihrer eigenen Baumwoll-produktion selbst verarbeiten. Ob diese Entwicklung sich schneller oder langsamervollzieht, ob sie gelegentlich durch Rückschläge unterbrochen wird, das alles ist nichtentscheidend. Auf alle Fälle haben sich die europäischen Industriestaaten darauf ein-zurichten, daß sich auch in der Zukunft ihr Anteil an der amerikanischen und indischenBaumwollerzeugung allmählich weiter verringern wird.
Und damit muß sich die europäische Baumwollindustrie auch auf relativhohe Baumwollpreise gefaßt machen. Zwar ist nicht zu bestreiken, daß die Preis-gestaltung der letzten Jahre durch eine wilde Spekulation stark beeinflußt war unddaß insbesondere die heftigen Preisschwankungen, die mitunter innerhalb ganzkurzer Zeiträume sich vollzogen haben, auf die Kraftproben der Hausse- und Baisse-Partei in Amerika zurückzuführen sind. Aber auch daran kann kein Zweifel sein, daßdie Haussespekulation bei allen ihren Übertreibungen und Ausschreitungen von derGestaltung der realen Faktoren des Baumwollmarktes ausgegangen ist. Mr. Sully,der schließlich das Opfer seiner verwegenen Haussespekulation geworden ist, hat in demoben erwähnten Aufsatz sehr richtig und klar auseinandergesetzt, daß keine Spekulationauf die Dauer erfolgreich sein könne, die mit der auf der tatsächlichen Gestaltung vonAngebot und Nachfrage beruhenden Tendenz des Marktes in Widerspruch stehe. Erhätte hinzufügen müssen, daß der Erfolg der Spekulation nicht nur von der zutreffendenBeurteilung der Richtuug der Markttendenz, sondern auch von dem richtigen Augen-maß für die Größe der zu erwartenden Preisverschiebuugen abhängig ist. Er ist aneiner Überschätzung der auf eine Preissteigerung der Baumwolle hinwirkenden Ursachen