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Die Baumwollfrage : ein weltwirtschaftliches Problem / von Helfferich
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Die Baumwollfrage.

Baumwolle, wer kauft sie uns ab? Außerdem seien zur Überwindung der Transport-schwierigkeiten Gin-Maschinen und Pressen im Innern notwendig, die ohne Wege nichtdorthin gebracht werden könnten. Kurz, es zeigte sich sehr bald, daß ein planmäßiges Vor-gehen und größere Mittel die unerläßliche Voraussetzung für einen Erfolg darstellen.

Um die Grundlagen für eine bessere Organisation der Baumwollkulturver-suche zu schaffen, wendete sich die Regierung zu Beginn des Jahres 1892 an zwei dergroßen Unternehmerverbände, bei welchen ein Interesse an dieser wichtigen Frageerwartet werden konnte, nämlich an den Zentralverband deutscher Industrieller und anden Verein süddeutscher Baumwollindustrieller, um deren Mitwirkung bei einemweiteren Vorgehen auf dem Gebiet des Baumwollanbaus zu gewinnen.Innerhalbder ihr zur Verfügung stehenden Mittel" so heißt es in einem der hier in Be-tracht kommenden Schreibenist die Kolonialverwaltung bereit, die Anlage vonBaumwollpflanzungeu in unseren Schutzgebieten nach Möglichkeit zu fördern. Ohnedie tatkräftige Beteiligung der nächsten Interessenten werden aber dieSchritte der Regierung ergebnislos bleiben."

Die beiden befragten Verbände glaubten jedoch, bei aller Anerkennung dereminenten wirtschaftlichen Bedeutung der Förderung der kolonialen Baumwollkultur,bei der damaligen Lage des Baumwollmarktes nnd der Baumwollindustrie außer-stande zu sein, sich tatkräftig an den geplanten Versuchen zu beteiligen. Es wurdedarauf hingewiesen, daß die reichen amerikanischen Ernten eine Überfüllung des Baum-wollmarktes und eine Entwertung der Rohbaumwolle und damit große Verluste fürdie Spinnerei herbeigeführt hätten; daß ferner die Stockung des Absatzes von Ge-weben und Garnen die deutschen Baumwollspinnereien veranlaßt habe, Vereinbarungenüber Produktionseinschränkungen in Erwägung zu ziehen. Unter diesen schwierigenVerhältnissen sei die Baumwollindustrie nicht in der Lage, für den Baumwollanbauin den deutschen Kolonien Mittel zur Verfügung zu stellen; es dürfte vielmehr zweck-mäßig sein, von der Erörterung der Frage in einem weiteren Kreise von Vertreternder Baumwollindustrie und des Baumwollhandels abzusehen und einen geeigneterenZeitpunkt abzuwarten, bis zu welchem sich auch die Verhältnisse in unseren Schutz-gebieten mehr konsolidiert haben würden.

Das war die Sachlage 'vor 12 Jahren, zu einer Zeit, als die Zunahme deramerikanischen Baumwollernte» noch Schritt hielt mit der Steigerung des amerika-nischen Baumwollverbrauchs und als die Baumwollcrzeugung dem Weltbedarf nochvorauseilte. Kaum jemand hat damals vorausgesehen, wie rasch die Verhältnissesich ändern würden und wie rasch an die Stelle der durch Überflutung des Marktesund Preisrückgänge verursachten Verluste die Sorge um die Beschaffung des be-nötigten Rohmaterials und die Einbußen durch ungemessene Preissteigerungen tretenwürden. Heute ist sich die Baumwollindustrie aller europäischen Länder darübereinig, daß ihre Zukunft zu einem wesentlichen Teil davon abhängt, ob es gelingt,durch die Einführung der Baumwollkultur in neuen Gebieten nicht nur die Baumwoll-produktion der Erde in einem der Steigerung des Bedarfs entsprechenden Tempo zuvermehren, sondern auch das Baumwollmonopol der Vereinigten Staaten zu brechen.Die Bedeutung dieser Frage reicht weit über den Kreis der unmittelbar interessierten