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Die Baumwollfrage : ein weltwirtschaftliches Problem / von Helfferich
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Die Baumwollfrags.

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Baumwollindustric hinaus. Wie im ersten Teil dieses Aufsatzes gezeigt wurde, spieltdie Baumwolle in der gestimmten Erwerbs- und Verbrauchswirtschaft der europäischenIndustriestaaten eine solche Rolle, daß durch die Gestaltung der Baumwollversorgungder Nationalreichtum dieser Staaten und die Lebenshaltung ihrer Bevölkerung auf dasstärkste berührt werden. Nicht zum wenigsten hängt von der Lösung der Baumwoll-srage ab die wirtschaftliche Machtstellung des alten Europa gegenüber der aufstrebendenund herrschlustigen Tochter jenseits des Ozeans.

Diese Erkenntnis hat bewirkt, daß im Laufe der letzten Jahre in den ver-schiedenen europäischen Industriestaaten eine rasch anwachsende Bewegung entstandenist, welche die Einführung der Baumwollkultur auf einer möglichst breiten Basis inbisher vernachlässigten Gebieten bezweckt. Abgesehen von Rußland, ") wo die Verhält-nisse durchaus anders liegen als in Mittel- und Westeuropa , ist die Bewegung zu-gunsten der Ausdehnung des Baumwollbaus, derBaumwollkulturkampf", überall ausder privaten Initiative der unmittelbar berührten Kreise hervorgegangen, und beialler Unterstützung, die ihr von amtlichen Stellen zuteil wird, zieht die Bewegungauch in ihrer weiteren Entwicklung aus der privaten Initiative ihre beste Kraft.

Die Bewegung ist organisiert in großen Vereinigungen, die im Wege vonfreiwilligen Beiträgen ihrer in der Hauptsache aus Interessenten und Interessenten-Verbänden bestehenden Mitglieder die Mittel zur Förderung der Baumwollkultur in neuenGebieten aufbringen. In Deutschland hat das Kolonialwirtschaftliche Komitee"*)sich bereits im Jahre 1900 entschlossen, unter Verzicht auf weitere theoretische Erörte-

*) Nußland ist seit einer Neihe von Jahren bemüht, die Versorgung seiner jungen Baum-wollindustrie mit Rohmaterial durch die Produktion auf russischem Boden in Turkestan uud inTranskaukasien zu bewirken. Es hat zur Unterstützung der Baumwollkultur in jenen Gegenden nichtnur gewaltige Summen aus öffentlichen Mitteln für Bewässerungsanlagen, Versuchspflanzungen,Eisenbahnen, Subsidien an Baumwollpflanzer usw. aufgewendet, sondern es hat außerdem durcheinen hohen Zoll auf fremde Rohbaumwolle die russische Industrie genötigt, in erster Linie dierussisch -asiatische Baumwolle zu verarbeiten. Nußland, dessen junge Baumwollindustrie gen ein-heimischen Bedarf noch keineswegs deckt, geschweige denn Exportinteressen hat, konnte zu demGewaltmittel eines hohen Zolls auf fremde Rohbaumwolle greifen und seine Industrie durchnoch höhere Zölle auf Baumwollwaren schadlos halten, obwohl auch hier die nachteilige Wirkungbleibt, daß die erhöhten Preise der Baumwollmaren den einheimischen Verbrauch und damitschließlich auch die einheimische Baumwollindustrie in der Entwicklung hemmen. Für Ländermit einem großen Export von Baumwollfabrikaten scheidet ein Zoll auf Rohbaumwolle aus deinKreis der Maßnahmen zur Förderung einer eigenen Baumwollproduktion von vornherein aus.Aber auch die direkte Subventionierung der Baumwollkulturcn durch große Aufwendungen ausöffentlichen Mitteln kann für die übrigen europäischen Staaten kaum vorbildlich sein. Nur deraufgeklärte Absolutismus" ist zu einer solchen künstlichen Züchtung von Industrien und land-wirtschaftlichen Kulturen aus einem zielbewußten und einheitlichen Willen heraus imstande. Dagegen kannallerdings das planmäßige Vorgehen der Russen mit Bewässerungsanlagen, Versuchspflanzungen usw.auch für die westlichen Nationen als Vorbild dienen.

**) Vergl. Karl Sups, Zur Baumwollsrage, Berliu 1900. Über die Arbeiten des Kolonial-wirtschaftlichen Komitees berichten die fortlaufend erscheinenden Mitteilungen über dessen Verhand-luugen, ferner die von dem Komitee herausgegebenen Spezialberichte: Baumwollexpedition nach Togo ,Bericht 1901; Deutsch-koloniale Baumwollunternehmungen 1902/03, II. Bericht; Deutsch -kolonialeBaumwollunternehmungen 1903/04, III. Bericht.