zudenken, sofort das Erinnerungsbild, wie es sich ihm momentan darstelltDaS Bedenken des kritischen Philosophen oder des Juristen, daß doch viel-leicht etwas falsch darin wäre, kommt ihm nicht. Wir Juristen sind bekannt-lich die schlechtesten Zeugen, weil wir zu vorsichtig sind. Das ist ihm fremd'.Er spricht darauf los, wie in seiner Erinnerung das Bild Plötzlich gezimmertwird, frisch und fröhlich, und er erwartet nicht —daS hat er wiederholt ge-sagt —, daß er von der anderen Seite in dieser, ich möchte sagen peinlichenWeise zerlegt wird, von einer Seite, die ganz besonders darin stark ist, «in-zelne Tatsachen festzuhalten, namentlich auch aus dem Papier die sichschon seit Jahren gewisse Notizen macht über dieses oder jenes Gespräch —,deren Gedächtnis gut ist, aber deren Gedächtnis zu gleicher Zeit Papier undTinte ist, während das Gedächtnis Erzbergers mehr Fleisch und Blut ist.Ich lnöchte sagen, es ist kein Herbarium, es ist mehr eine blühende Wiese,die sich immer wieder erneuert, und infolgedessen leidet unter dieser auchzum Teil recht schönen und hübschen Eigenschaft natürlich die Genauigkeitder Darstellung. Wer es -fehlt an jenem Anhalt dafür, daß eine Absicht indieser Richtung obwaltet.
- Dazu kommt zweitens eine Eigenschaft, die ebenfalls die Genauigkeitdes Gedächtnisses in Frage stellt, das ist nämlich die ungemeine Bereit-willigkeit, !daß, wenn jemand mit einer Frage kommt, er sofort die Ant-wort erhält. Der NedeiMä'ger erwidert sofort aus dem Stegreife. Es istdieselbe Bereitwilligkeit, die in hiibscher Weise auch Fremden gegenübergeübt wird. Das hat er a.uch hier, wenn wir elwas zu wissen wünschen,gezeigt, ohne scharfe Selbstkritik. Ich bin häufig erinnert worden an eineder köstlichen „Seifenblasen" des Mathematikers und Philosophen KurtLaßwitz , und Sie werden mir dankbar sein, wenn ich sie hier zum bestengebe. Da kommt ein Psychotom zu einem Philosophen. Der zeigt demPhilosophen die einzelnen Kategorien und stellt sie auf den Schreibtischdes Philosophen. Eine Kategorie, dte er dein Kopse des Philosophen- ent-nommen hat, vergißt er, dem Philosophen- wieder einzusetzen. Der Ho-us-kater bemächtigt sich ihrer — cS war die Kategorie -der Negation. Nungeht der Philosoph aus dem Hause und kommt natürlich in tausend Kon-flikte, weil er nirgends nein sagen- kann. Ein ganz klein wenig von diesergutmütigen Philosophie ohne Negation hat unser Erzbcrger. Ich mußgestehen, die große Schale auf seinem Schreibtisch mit lauter Visiten-karten „zur freundlichen Berücksichtigung", „zur wohlwollenden Prüfung"und gar größere Empfehlungsschreiben mit der „Bitte, den Mann an-zuhören", und einem Wort über die „vorzügliche Erfindung" sind nichtganz noch meinem Geschmack. Dr. Helfferich hat sicherlich eine solcheSchale nicht. Aber immerhin ist es doch auch eine hübsche Sei-te.Der Nebenkläger hat diese seine Eigenschaft mit einem der größtenMänner gemein, 'Mit Alexander von Humboldt , der immer einebesondere Befriedigung darin sah, alle möglichen Menschen mit seinenEmpfchlungSschceiben Ku- verschen. Er konnte kaum jemandem etwasabschlagen und er war durch seinen starken Einfluß auf Friedrich Wilhelm IV. eine Plage für alle Behörden^ Und doch blieb er Alexander von Humboldt !Es sind das Schwächen, die man in Kauf nehmen muß..
ES louMit aber etwas noch anderes, Hohes, hinzu', und zwar pro unk
' «