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Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament : <1868 - 1869 - 1870> / Ludwig Bamberger
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ster dazu aufgestachelt wurde. Die politische Anstren-gung innerhalb wie ausserhalb der Kammern wurdedadurch eine rein theoretische und möglichst extreme.Wenn man doch einmal sich was wünscht, wünscht manbekanntlich möglichst viel. Nun hat sich aber dieSache im Norddeutschen Reichstag anders gestellt. DieRegierungen, die preussische vor Allem, deren eigeneSchöpfung das Parlament ist, deren Appel an das all-gemeine Stimmrecht auch die Unterwerfung unter dessenMajorität nach sich zieht, die preussische Regierungwürde ihr eigenes Werk und ihre ganze Stellung inden Grund bohren an dem Tage, an welchem sie einenKonflikt mit der Majorität des Reichstags auf sichnähme, oder wenn sie gar, wie unsere kleinstaatlichenMinister, mit schweigender Verachtung an der Majoritätvorüberginge. So ist es gekommen, dass im Nord-deutschen Bund , dem es bekanntlich noch an einemvollständigen verantwortlichen Ministerium fehlt, dochder eigentliche Zweck des Parlamentarismus, nämlichder praktische Einfluss der Majorität, viel weiter ent-wickelt ist, als in den alten Kammern, welchen Mi-nister mit geschriebener Verantwortlichkeit gegenüberstehen. Und das zeigt Ihnen wieder einmal, wie mandie Dinge in der Politik, grade wie auch sonst in derWelt nicht nach dem todten Buchstaben, sondern nachder lebendigen Wirkung beurtheilen muss. Aber alte