Gewohnheiten sind schwer auszutilgen. In unseren altenKammern galt der für den besten Volksmann, welcherin seinen theoretischen Ausführungen am weitestenging und von dem man dachte, dass seine scharfenBeden den Herrn Minister am meisten ärgern würden(der Minister lachte sich todt über die wehrlose Ohn-macht, wenn, er überhaupt die Rede las). Von dieserGewohnheit ist noch viel gehlieben, und so fehlt esauch im Reichstag nicht an Rednern, welche auf diesealte Geschmacksrichtung im Publikum spekuliren. Jemehr wir aber vom Spottparlamentarismus abkommen,welcher entweder für die Galerie oder für die Zukunft, oderfür die eigene Herzenserleichterung sprach, je mehr derParlamentarismus ein praktisches Regierungswerkzeugwird, desto mehr werden Sie lernen auf Diejenigen achten,welche ihre Anstrengungen auf thatsächliche Wirksamkeitberechnen. Das ist oft nicht amüsant, aber vom Amüsementkann man in der Politik so wenig leben, wie in ande-ren Geschäften; auch da gilt das Sprichwort: was mitder Trommel verdient wird, geht mit der Flöte zumTeufel. Wenn Sie die Debatte des Reichstags verfol-gen wollen, um Ihre Nerven mit Kuriositäten zu kitzeln,so müssen Sie allerdings die Ergüsse der Herren Mende,Schweitzer und anderer Effektredner lesen, welche poli-tische Zukunftsmusik blasen; wenn Sie sich aber fürdie zunächst erzielbaren Fortschritte auf allen Gebieten
Druckschrift
Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament : <1868 - 1869 - 1870> / Ludwig Bamberger
Seite
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