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Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament : <1868 - 1869 - 1870> / Ludwig Bamberger
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einer deutlichen Entschliessung emporzuarbeiten undso mit sich selbst fertig zu werden, als ob von seinemletzten Wort allein die Entscheidung abhinge. Und nachdem Muth, die Sache zu Ende zu denken scheint mir auchder Muth, das Gedachte auszusprechen ein Pflichtgebot.

Selbstredend kommt hier das Für und Wider derTodesstrafe nicht mehr zur Sprache. Im Namen derNation ist sie abgeurtheilt, ist res judicata; das höchsteGericht des Staats, die Volksvertretung, hat ihr wohl-erwogenes, wohlbewusstes Verdict abgegeben und sogardas ist schon ausgemacht, dass, wenn der Reichstagwiderriefe, der Widerruf nicht aus freier Ueberzeugungkäme, sondern nach Rechts-Grundsätzen, als ihm mitGewalt entrissen, auf ewig anfechtbar bliebe. Nur we-gen des richtigen Verständnisses meiner eigenen Stellungzur Sache lasse ich einfliessen, dass ich selbst grund-sätzlich der Frage ganz frei gegenüberstehe, oder, umes in der Hauptsache auszudrücken: ich bin nicht derAnsicht, dass man der Gesellschaft das Recht bestrei-ten könne, einem ihrer Glieder das Leben zu nehmen.Nur aus ganz pragmatischen Gründen zöge ich vor,dass man die Todesstrafe abschaffte, erstens, weil ichsie für unnütz halte und zweitens, weil sie die Verur-theilungen Unschuldiger, die meiner Ueberzeugung nachzahlreich Vorkommen, um so grauenvoller macht. Ich

weiss sehr wohl, dass auch das Publikum in seiner

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