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Diese Münzverschlechterung gestaltete sich nun in den einzelnenTeilen des deutscheu Reiches verschieden; namentlich gelang es in deneinzelnen Münzgebieten zu sehr verschiedenen Zeiten, den Münzverschlechte-rungen ein Ziel zu setzen uud den Münzfuß aufrecht zu erhalten. Sostellen die zur Zeit der Münzreform bestehenden deutschen Münzsystemeverschiedene Stadien eines und desselben Entwickelungsprozesses dar^.
Charakteristisch für das deutsche Münzwesen bis in die Mitte des18. Jahrhunderts, in Süddeutschland sogar noch bis in spätere Zeiten,war die Thatsache, daß die Münzsysteme, nach welchen im gewöhnlichenVerkehr gerechnet wurde und aus welchen sich die vor der Münzreformbestehenden Mttnzsysteme entwickelten, sich nicht mit den Prägesystemen,nach welchen die schweren Silbermünzen und Goldmünzen ausgebrachtwurdeu, deckten; daß ferner die verschiedenen Münzstücke, welche geprägtwurden und umliefen, kein einheitliches Geldsystem bildeten, in demSinne, daß sie sich in ihrer Eigenschaft als Zahlungsmittel hätten gegen-seitig vertreten können und daß sie zu einander in einem einfachen undunveränderlichen Wertverhältnis gestanden hätten.
Während in ganz Deutschland die Goldmünzen und die schwerenSilbermünzen nach einheitlichen, in den Reichsmünzordnungen des 16. Jahr-hunderts festgestellten Normen ausgemünzt wurden, waren die Einheiten,nach welchen in den einzelnen Teilen des Reichs im gewöhnlichen Ver-kehr gerechnet wurde, durchaus verschieden.
Die gemeinschaftliche grobe Silbermünze war der sogenannte Reichs-Speciesthaler, mit einem Feingehalt von Mark feinen Silbers. Diegroße Masse der Umlaufsmittel bestand jedoch aus kleineren Münzstücken,aus Groscheu- und Kreuzergeld. Der Thaler und der Gulden, nachwelchen gerechnet wurde, waren keine geprägten Münzstücke; sie existiertennicht als konkrete Gegenstände, sondern waren analoge Begriffe wie„Schock" oder „Mandel". Der Thaler bedeutete 24 Groschen, der Gulden60 Kreuzer; ihr Wert stand in keinem Zusammenhang mit dem geprägtenReichs-Speciesthaler, sondern mit dem Wert der kleineren Münzstücke;und die Bewertung des Speciesthalers selbst änderte sich, während ersich selbst in seinem Feingehalt gleich blieb, entsprechend den Verände-rungen, welche mit dem kleinen Gelde vorgingen.
Ebenso verhielt es sich mit den Goldmünzen, den Dukaten und Gold-
i Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen meine „Beiträge zurGeschichte der deutschen Geldreform". S. 73 ff.