Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß dieser öffentlichausgesprochene Grund nicht das einzige Motiv war, durch welches Österreich bestimmt wurde. Es mag dabei die Überzeugung mitgewirkt haben, unterden obwalteuden Verhältnissen aus der Papierwährung leichter zur Gold-währung als zur Silberwährung gelangen zn können. Man stand unterdem vollen Eindruck der ungeheueren Vermehrung der Goldproduktion,und man war allgemein der Ansicht, daß Gold im Verhältnis zum Silberbilliger werden müsse.

Aber gerade diese Ansicht über die künftige Gestaltung des Gold-wertes ließ für Preußen und die übrigeu Zollvereinsstaaten die Annahmedes österreichischen Vorschlages als uuannehmbar erscheinen. Diese Staatenlehnten schlankweg alle Verhandlungen auf der von Österreich vor-geschlagenen Basis ab, mit der Motivierung: es habe große Bedenken,alle aus eine bestimmte Quantität Silber lautenden Zahlungsverbindlich-keiten nach einem mehr oder weniger willkürlichen Verhältnis in solcheumzuwandeln, welche in Gold erfüllt werden könnten, und das besondersin einer Zeit, in welcher noch eine weitere Entwertung des Goldes inAussicht stehe oder wenigstens allgemein befürchtet werde, in welcher aberjedenfalls der Goldwert noch manche Schwankung und Krisis werdedurchmachen müssen, ehe er einen auch nur annähernden Grad von Festigkeitund Dauer erlangen werde.

Diese Stellungnahme erscheint sehr begreiflich und als die unterden obwaltenden Umständen einzig mögliche. War es zu verwundern,daß insbesondere der konservative altpreußische Geist, dem im Zweifeljederzeit das Bestehende auch das Vernünftige war, der sich sogar nochin der Zeit der Münzreform für die Thaler uud die Silberwährungwehrte, damals, wo die Wertbeständigkeit des Goldes von Grund auserschüttert schien, mit aller Entschiedenheit gegen den Vorschlag einesLandes, das bei seiner Papierwährung nichts zu verlieren hatte, Frontmachte? War es zu verwundern, daß sich die deutschen Zollvereinsstaatenmit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung verwahrten, den festenBoden, auf welchem ihre Münzverfassnng stand, mit einem unbekanntenund schwaukeuden zu vertauschen?

Abgesehen von diesen in der Sache selbst liegenden Erwägungenstand einem Übergang zur Goldwährung noch eine Reihe andererSchwierigkeiten entgegen, die in dem losen politischen Verhältnis zwischenden Münzvereinsstaaten begründet waren. Eine einheitliche Abstoßnngdes Silbers hätte sich als notwendig herausgestellt; wie konnte eine solche