Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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vorgenommen werden, ohne allznties in die Handlungsfreiheit der souveränenVertrags-Staaten einzugreifen? Das Scheidemünzwesen hätte bei einerGoldwährung eine weit größere Ausdehnung gewinnen müssen als bisher,und damit hätten sich einschneidendere und strengcre Vorschriften undBeschränkungen als unumgänglich notwendig herausgestellt; wie hätte mandiese bei der geringen Geneigtheit der Vertrags-Staaten zu Konzessionenauf Kosten ihrer Hoheitsrechte in ausreichendem Maße erlangen können?

Kurz, nicht nur die damaligen Verhältnisse der Edelmetallproduktionund das aus ihnen hervorgegangene Mißtrauen gegen das Gold, sondernauch die praktischen Schwierigkeiten eines Übergangs zur Goldwährungbei dem loscn Gefüge des zu erwartenden Münzvcreins machten die An-nähme des österreichischen Antrages von vornherein unmöglich.

Aber Österreich blieb sest. Es betrachtete die Goldwährung alseoiiäitio sine <zrm non, und so wurden die Verhandlungen als aussichtslosabgebrochen.

Die österreichischen Staatsmänner besannen sich in den folgendenJahren eines Besseren. Im Jahre 1856 konnten die Verhandlungenabermals begonnen werden. Von der Goldwährung war keine Redemehr. Ende des Jahres hatte man sich auf der Grundlage der reinenSilberwährung über alle Punkte geeinigt. Am 24. Jannar l857 wurdeder Wiener Münzvertrag unterzeichnet.

Sein Zustandekommen war der größte Erfolg, den Österreichs groß-deutsche Politik überhaupt erreicht hat. Hier, auf dem Boden des Münz-wesens, gelang es ihm, mit den deutschen Staaten in dasselbe enge Ver-hältnis zu treten, in welchem Preußen zu ihnen stand. Während der inDresden begründete Münzverein an Gebietsumfang sich völlig mit demZollverein deckte, gelaug es nunmehr Osterreich , in diesen Schatten desZollvereins einzutreten. Dagegen blieb ihm der Eintritt in den Zoll-verein selbst versagt.

Der Wiener Münzvertrag ist die Grundlage, auf welcher die Münz-verfassung der Zollvereinsstaaten, also des weitaus größten Teiles desspäteren Deutschen Reiches, bis zur Münzreform beruhte. Wir habenihm deshalb besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die neugeschaffene Münzverfassnug gründete sich, wie bereits er-wähnt, auf die reine Silberwährung. Österreichs Antrag, die Gold-währung anzunehmen, hatte nur die Folge gehabt, daß in dem WienerVertrag, während in den bisherigen Mttnz-Konventionen stillschweigenddie Silberwährung vorausgesetzt war, in förmlich demonstrativer Weise