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Der Krieg von 1870 vergrößerte das deutsche Gebiet. Die neuerworbenen Reichslande hatten das Münzsystem Frankreichs , das auf derDoppelwährung beruhende Frankengeld. Schon während des Kriegeswar dieses System dadurch eng mit der Thalerwährung verbunden worden,daß der Frank auf 8 Silbergroschen tarifiert wurde.
Zur Zeit der Münzreform bestanden also im Deutschen Reiche sechsverschiedene Münzsysteme (die Hamburger Bankvaluta inbegriffen). Zweidavon, die Frankenwährung in Elsaß-Lothringen und die Lübische Kurant-Währung waren dem weitaus verbreitetsten Münzsysteme, der Thaler-währung, angegliedert. Das Verhältnis zwischen Thaler- und Gulden-währung war gleichfalls nicht sehr kompliziert; vier Thaler waren gleichsieben Gulden. Immerhin ließen sich Werte der Guldenwährung in demThalersystem nur durch Brüche mit dem Nenner sieben ausdrücken, welchedurch keine Münzstücke dargestellt werden konnten.
Die Thalerwährung selbst zerfiel in mehrere verschiedene Systeme,in das preußische, nach welchem der Thaler in 30 Groschen zu 12 Pfennigeneingeteilt wurde, während in Sachsen und einigen mitteldeutschen Klein-staaten der Groschen nur 10 Pfennige hatte, und während der Thaler inMecklenburg in 48 Schillinge zerfiel.
Die Verschiedenheit der in den einzelnen Gebieten des DeutschenReiches geltenden Münzsysteme war der am meisten auf der Oberflächeliegende Übelstand des deutschen Münzwesens, über diese Verschiedenheitwurde am meisten und am lautesten Klage geführt, namentlich in denHansestädten, welche die isolierte Stellung ihrer Geldsysteme mit ihrerwachsenden Bedeutung als wichtige Glieder eines sich stark entwickelndennationalen Wirtschaftsgebietes immer mehr empfanden. Aber nicht nurin Hamburg und Bremen, sondern in ganz Deutschland wurde seit denersten Jahrzehnten unsers Jahrhunderts die Forderung der deutschen Münzeinheit immer allgemeiner und populärer.
Das Unbefriedigende des bestehenden Zustandes wurde dadurch nochbedeutend verstärkt, daß keines der vorhandenen Münzsysteme rein durch-geführt war.
Zum Teil hing dieser weitere Übelstand mit einem charakteristischenZuge der deutschen Münzpolitik zusammen, der sich aus dem Mittelalterbis in die neueste Zeit erhalten hatte. Mit der Einführung neuer Präge-systeme sehr verschwenderisch, waren die deutschen Staaten stets sehr spar-sam mit der Beseitigung alter Münzstücke. Bei der Annahme eines neuenPrägesystems pflegten die neueingeführten Münzen nicht an die Stelle
Helsferich, Geschichte der Geldreform. 3