— 64 —
Um diese Umwälzungen, in deren Kreis anch die deutsche Münz-reform gezogen wurde, uud aus deren weitere Entwickelung sie ihrerseitseinen großen Einfluß ausübte, soweit verständlich zu machen, als es zurBeurteilung der Stellung der deutschen Münzreform im Zusammenhangder Entwickelung der internationalen Münzverhältnisse notwendig ist,müssen wir etwas weit ausholeu; denn diese Verhältnisse sind auffallendwenig bekannt.
Man ist gar zu leicht geneigt, Zustände und Einrichtungen ver-gangener Zeiten von unserem modernen Jdeenkreis aus zu betrachten undzu beurteilen, während sich diese Zustände nur dann richtig würdigen unddie großen geschichtlichen Zusammenhänge sich mir dann richtig erkennenlassen, wenn man sich in den Geist uud die Denkungsart der vergangenenZeit zu versetzen weiß. Dieser Satz gilt für die gesamte Rechts- undWirtschaftsgeschichte, auch für die Geschichte des Geld- und Münzwesens,so häufig er auch gerade auf diesem Gebiet vergessen worden ist.
Das Geld und die Münzen hatten nicht von vornherein den Charakter,welcher ihnen in der heutigen Rechts- und Wirtschaftsordnung zukommt.Sie haben diesen Charakter erst nach einer langen Entwickelung erhalten.
Es ist deshalb durchaus verkehrt, die Münzverfassung früherer Zeitennach unseren heutigen Vorstellungen vom Wesen des Geldes zu schabloni-sieren. Es ist völlig nutzlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, obwährend der einen oder anderen Periode des Mittelalters Gold- oderSilberwährung, Parallelwährung oder Doppelwährung geherrscht habe.Denn alle diese Geldsysteme sind etwas Modernes, sind Einrichtungen,welche erst bestehen konnten, als die Institution des Geldes zur völligenAusbildung gelangt war'.
Früher wurden aus beiden Edelmetallen Münzen geprägt; aber esfehlte nicht nur den einzelnen Sorten verschiedenen Metalls, sondern auchden gleichmetallischen Münzen die unbedingte gegenseitige Vertretbarkeit,ebenso bestand nicht nur zwischen den verschieden-metallischen, sondern auchzwischen den gleichmetallischen Sorten kein festes Wertverhältnis, Wederin rechtlicher noch in volkswirtschaftlicher Beziehung bestand also damalsein einheitliches Geldsustem; der Zustaud des Geldwesens charakterisiertsich vielmehr als ein Nebeneinander verschiedener Münzsorten, welche alsallgemeines Tauschmittel dienten.
! Vgl. zum folgenden nieine Abhandlung über die geschichtliche Entwickelung derMünzsysteme. Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. 3. Folge. Bd. IXS. 801.