Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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Dieselbe Grundstinimung herrschte bei den beiden kleineren, etwasweiter nach rechts stehenden Gruppen, bei der liberalen Reichspartei undbei der deutschen Reichspartei. Im Verein mit diesen beiden Fraktionenhatten die Nationalliberalen fast die absolute Mehrheit, es fehlten ihnendazu nur wenige Stimmen.

Bei dem größeren Teil der Konservativen nud ebenso bei dem größtenTeil der Fortschrittspartei, schließlich auch bei den meistenWilden"es gab damals deren 27 konnte eine auf den Ausban und die Be-festigung der deutschen Einheit gerichtete Politik gleichfalls auf kräftigeUnterstützung rechnen.

Der Partikularismus war in erster Linie durch das Centrum ver-treten, das von vornherein dem protestantischen Kaisertum abgeneigt war;dann natürlich durch die kleinen Parteien mit ausgesprochen reichsfeind-licher Tendenz, wie die Polen; schließlich durch einen Teil der radikalenDemokraten und Konservativen. Gegenüber dem großen Übergewicht dereinheitsfrenndlichen Parteien waren diese Elemente der Zersplitterungzur Ohnmacht verurteilt.

Bei dieser Zusammensetzung des Reichstags mußte die vom Bundes-rate vorgeschlagene partikularistische Regelung der neuen deutscheu Münz-verfassung auf den heftigsten Widerstand stoßen. Die Begeisterung fürdas Reich war damals noch eine politische Macht. Man war der Klein-staaterei gründlich überdrüssig, insbesondere auch der Kleinstaaterei imMünzwesen, und für diese Stimmung konnte die neue Münzeinheit nichtradikal genug ausfallen. Und nun schlug der Bundesrat eine Regelungvor, wie sie kaum vartikularistischer gedacht werden konnte!

Ebensowenig wie die vom Bundesrat in Aussicht genommene staats-rechtliche Organisation des nenen Mttnzwesens die öffentliche Meinungund die große Mehrheit des Reichstags befriedigen konnte, durften dievorgeschlagenen Maßregeln bezüglich des Währungsmechsels auf vollenBeifall rechnen. Dieselben weiten Kreise, welche das Münzwesen aus-schließlich zur Reichsangelegenheit machen wollten, verlangten mit Ent-schiedenheit die Goldwährung. Die beiden Bewegungen waren eng mit-einander verbunden. Das Streben nach der politischen Einheit Deutsch-lands , vertreten imNationalverein", war ja in den letztvergangenenanderthalb Jahrzehnten Hand in Hand gegangen mit dem wirtschaftlichenLiberalismus, dessen Anhänger sich imVerein deutscher Volks-wirte" zusammengeschlossen hatten, und beide Geistesströmungen waren