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Der württembergische Bevollmächtigte v. Mittnacht sprach in ge-mäßigter und staatsmännischer Nede gegen diesen Antrag. Er betonte,daß der angefochtene Paragraph mit einigen andern bereits einen Kom-promiß zwischen verschiedenen Standpunkten darstelle, dem alle Bundes-regierungen beigetreten seieu. Mit einer feinen Huldigung vor demdeutschen Einheitsgedanken schloß er seine Rede, indem er sagte: „DasBildnis des Kaisers und Königs wird auf so vielen Münzen des größtendeutschen Staates glänzen, und es wird vor allen Dingen jedem deutschenHerzen so unauslöschlich eingeprägt sein und bleiben, daß ich es beinaheklein finden möchte, einen Gewinn darin erblicken zu wolleu, daß manes auf allen deutscheu Münzen findet."
Nach Mittuacht ergriff Fürst Bismarck selbst das Wort. EinStaatsmann, führte er aus, könne nicht allein seinen ÜberzeugungenAusdruck geben, sondern müsse es verstehen, hier und dort Nachgiebigkeitzu zeigen. „Wenn es sich um Interessen des Reiches handelt," sagte er,„durch die seine Einheit, seine Festigkeit, sein Vorteil wirklich bedingt ist,dann habe ich ja auch gezeigt, daß die partikularistischen Bedenken unsererBundesgenossen mich unter Umständen nicht abhalten, das Recht unddie Majorität, die wir etwa im Bundesrat haben, soweit geltend zumachen, als die Verfassung uns erlaubt, auch wenn die Grenze zweifel-haft ist oder von anderer Seite bestritten wird. In dieser Frage abereinen politisch in hohem Grade verstimmenden Druck auf die Bundes-genossen auszuüben, dafür hat uns Gott die Macht, die Preußen inDeutschland angewiesen ist, nicht gegeben." Als Reichskanzler müsse ermit deu persönlichen Stimmungen namentlich der mächtigeren Bundes-fürsten sehr sorgfältig rechnen. „Und ich kann dem Grafen Münster,"so schloß er, „nicht verhehlen, daß nach allen schwierigen Vereinbarungen,wie ich seinen Antrag hier gehört, — so war mein Gefühl, ich hoffenicht ganz so ohnmächtig wie das des Archimedes, zu sagen: Aoli wr-Kars eiioulos msos!"
Selbst ein Unitarier wie Treitschke riet unter diesen Umständenzur Nachgiebigkeit, indem er sagte: „Wir wollen in allem Wesentlichendie Einheit, in allen Fragen der Macht die volle, unbedingte Einheit —wir wollen in allem Unwesentliche!?, in allen Fragen der Form, Schonungund Rücksichtnahme."
Diese staatsmännische Klugheit eines großen Teiles der Einheits-sreuude, verbunden mit der Hartnäckigkeit der Partikularisten, führte zurAblehnung des Antrags Münster .